Wenn ich die Situation meiner acht Urgroßelternteile vergleiche...

Mir ist schon klar, dass man Menschen nicht miteinander vergleichen kann. So hat auch jeder Urgroßvater und jede Urgroßmutter ihr ganz eigenes Gepräge. Jede und jeder schaute wie ich auf die Kette der Vorfahren hinter sich, ob jeder und jede auch besorgt oder neugierig auf die Nachkommen schaute wie ich? Viele Menschen glauben, dass diese Urgroßelterngeneration in der "guten alten Zeit" gelebt hat. Andere bedauern sie, weil sie noch kein Telefon und keinen Urlaubsanspruch kannten. Ich will sie kurz vorstellen:

1. Martha Laura Ida Ehlert, geb. 9. 5. 1854 in Königsberg, ev., gest. 7. 3. 1937 in Berlin

Weder ihr Vater noch ihre Mutter war in Königsberg geboren, aber Martha hat Königsberg als ihre Heimat angesehen, weil es die Stadt ihrer Kindheit und Jugend war. Da sie 1880 einen Offizier heiratete – nicht zwangsweise, aber doch ohne viel Möglichkeit zu eigener Entscheidung – lebte sie den Rest ihres Lebens in verschiedenen Garnisonstädten. Berlin war die Stadt der Pensionäre. Dort lebte sie von 1906 bis zu ihrem Tode. Sie schätzte die Stadt. Martha handarbeitete gern und mit viel Geschmack. Sie las Englisch und Französisch. Martha hat Mangel und Hausarbeit nicht gekannt. Ihr Vater war ein wohlhabender Kaufmann, ihr Mann ein erfolgreich avancierender Offizier. Sie hatte immer Personal. Martha wurde 83 Jahre alt.

2. Hermann Gustav Behn, ev., geb. 12. 7. 1852 in Trier, gest. 21. 5. 1932 in Berlin

Hermann hat seine Geburtsstadt Trier kaum gekannt, das Regiment seines Vaters, des Regimentsarztes, wurde bald versetzt. Mit 11 oder 12 Jahren kam er in die Kadettenanstalt in Potsdam, um die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Da war sein Vater Königlicher Generalarzt. Viel Möglichkeit zu eigener Entscheidung wird auch er nicht gehabt haben. Was er beim frühen Tod seiner Eltern empfand, ist nicht überliefert. So weit unsere Großmutter Edith, seine Tochter, das beurteilen konnte, war er gern Offizier. Der Erfolg gab ihm Recht. Er war ein großer, schwerer Mann, der gerne aß und trank, dabei nicht unsportlich. Nur Oldenburger Pferde konnten ihn tragen. Er ging mit Leidenschaft auf die Jagd, er liebte Kinder, er gefiel Frauen. Sogar der Kaiser mochte ihn leiden. Hermann wurde 80 Jahre alt.

3. Emma Saur, geb. 9. 12. 1850 in Guhrau, ev., gest. 29. 10. 1880 in Guhrau

Von Emma gibt es kein Foto. Ihre Jugend auf dem Stadtgut und der Windmühle ihres Vaters in der schlesischen Kleinstadt Guhrau kann man sich schwer vorstellen. Dass sie nach dem Tod des Vaters eine Mitgift von 30 000 Mark in die Ehe brachte, lässt vermuten, dass sie eine bürgerliche Erziehung bekam. Aber wahrscheinlich hat sie immer hart gearbeitet. Ihr Wesen stelle ich mir wie das meiner Mutter vor: sehr schnell von Auffassung, lebhaft, tatkräftig, nervös. Sie starb mit dreißig Jahren, an Erschöpfung, heißt es. Sie hatte fünf Kinder geboren und nebenbei zwei Geschäften vorgestanden. Tatsache ist, dass man neben dem Lungenleiden schon damals eine Depression feststellte. Mein Großvater Paul, ihr Sohn, führte ihr Nervenleiden auf den Unfalltod seines fünfjährigen Bruders zurück, an dem sie sich schuldig fühlte. An sie zu denken, tut immer weh.

4. Otto Liebert, geb. 25. 3. 1839 in Lissa, ev-ref., gest. 2. 1. 1897 in Guhrau

Otto war der älteste Sohn seiner Eltern. Älter war nur seine Schwester Alwine. Sie war noch in der reformierten Johannes-Kirche in Lissa, Provinz Posen, getauft worden, in der Konfession der Mutter, der Charlotte Zytowski. Otto und seine jüngeren Geschwister hatte der lutherische Vater dann in der lutherischen Kreuzkirche taufen lassen. Die Konfessionsverschiedenheit der Eltern war jedenfalls merklich, trotz der Union der beiden Kirchen, die in Lissa schon lange Tradition hatte. Und dieser Konflikt war nur das Vorspiel zu stärkerer Auseinandersetzung. 1848 entschied sich Ottos Vater, obwohl deutschstämmiger Bäckermeister, für die Revolution an der Seite der Polen. 1854 war seines Bleibens in Lissa nicht mehr. Er wanderte aus nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Ottos Mutter konnte das nicht nachvollziehen. Sie blieb mit den Kindern und den Schulden zurück. Otto als der Älteste war sicher ihre Stütze. Er besuchte das Gymnasium in Lissa bis zum Einjährigen und machte dann eine Eisenwarenlehre in Marienwerder. 1865 ließ er sich mit von seinem Onkel Zytowski geliehenem Geld in Guhrau nieder. Mein Großvater Paul überliefert, dass der Onkel erwartete, dass Otto eine seiner Töchter zur Frau nähme. Aber Otto fand Emma Saur. Ihr Geld machte ihn vom Onkel unabhängig. Der frühe Tod von Emma soll Otto in Verzweiflung gestürzt haben – er war unfähig, die Geschäfte weiterzuführen. Erst eine zweite Ehe gab ihm wieder Lebensmut. Doch wurde auch er nicht alt. Mit 59 Jahren erlitt er einen Infarkt.

5. Johanna Klara Liebscher, geb. am 30. 7. 1856 in Kobershain, Kreis Torgau, ev., gest. am 1. 5. 1944 in Köln

Johanna Liebscher war nicht nur Pfarrerstochter, auch ihre beiden Großväter, Joseph Gotthilf Benjamin Liebscher und Gotthilf Wilhelm Nathusius waren Pfarrer. Als sie geboren wurde, lebten beide noch. Aber gekannt wird sie sie kaum haben. Torgau war weit weg von Kemberg und Oberröblingen am See. Johanna war die älteste ihrer Geschwister, von drei Brüdern, und nach ihrer Heirat die Mutter von sieben Kindern. Das gibt ihr einen praktischen Anstrich. Sehr praktisch klingen auch die Briefe und Karten, die ihre Tochter, unsere Großmutter Clara, aufbewahrt hat. Ihre Ehe mit Heinrich Eberhardt war ausgesprochen harmonisch. Ihr gemeinsamer Lebensmittelpunkt waren die Kinder. Aber auch die alten Mütter des Paares waren selbstverständlich bei ihr gut aufgehoben. Der starke Familiensinn drückt sich in regem Briefwechsel aus. Noch für ihre Enkel war Großmutter Johanna eine wichtige Person. Ohne ihre Unterstützung hätte unser Vater nicht studieren können. Unsere Mutter verdankte ihr manche Theaterkarte in Köln. Johanna wurde 88 Jahre alt. Ich habe sie noch gesehen!

6. August Theodor Heinrich Eberhardt, geb. am 2. 7. 1855 in Arnstadt, ev., gest. am 20. 1. 1928 in Köln.

Heinrich Eberhardt hatte eine harte Erfahrung in frühen Jahren gemacht, die unserer ähnlich ist: er verlor im Kleinkindalter seinen Vater, den jungen Zeugschmiedemeister, durch den Tod. Seine Mutter musste die Werkstatt und das Werkzeug verkaufen. Als Waschfrau brachte sie ihre beiden Kinder Heinrich und Therese durch. Beide Großväter lebten noch, als das geschah. Der Maurer Johann Heinrich Weisheit und der Küster Johann Adam Heinrich Eberhardt haben sicher die Erziehung der Kinder in Arnstadt begleitet. Die Mutter war gesund und wurde sehr alt. Sie lebte zuletzt in Heinrichs Haushalt. Auch Heinrich war ein gesunder Mann. Er arbeitete erfolgreich als Buchhalter der Reichsbahn, stieg zum Eisenbahnamtmann und Rendanten auf, sparte Geld und erwarb Häuser in Köln. Zugleich engagierte er sich bei den Reichsfechtschulen, einem Bettelverein zum Bau von Waisenhäusern. Das ermöglichte ihm den Verkehr mit Gebildeten und viele unterhaltsame Ausflüge. Offenbar war er ein begabter Organisator. Den Untergang des Kaiserreichs erlebte er als Katastrophe. Die Demokratie war nicht sein Fall. Der alten Ständeordnung, in der er sich so sicher bewegt hatte, trauerte er nach. So ist wohl kein Wunder, dass sein ältester Sohn Otto später Hitler zujubelte. Heinrich erlebte das nicht mehr. Auch die Gleichschaltung seiner geliebten Reichswaisenhäuser durch die NS-Führung blieb ihm zu erleben erspart. Heinrich wurde 73 Jahre alt.

7. Friederike Philippine Allendorf, geb. am 9. 5. 1852 in Koblenz, ev., gest. am 2. 12. 1926 in Köln-Rodenkirchen

Philippine Allendorf ist die Tochter eines Glasermeisters. Ihre Mutter ist drei Jahre älter als der Vater. Als die Eltern sich im Koblenz der Frühindustrialisierung um 1840 kennen lernten, waren beide in der Fremde. Die über dreißigjährige Frau war vermutlich "in Stellung", der junge Glaser fern seiner Arterner Verwandtschaft "auf dem Bau". Die evangelische Gemeinde Koblenz hat sicher eine Rolle gespielt beim Kennenlernen. Und die evangelische Konfession blieb für das Kind Philippine lebenslang identitätsstiftend. Obwohl es in Koblenz sehr viele konfessionsverschiedene Ehen gab, verlangte sie von ihrem Bewerber Peter Mering, dass er sich mit ihr in der evangelischen Kirche trauen lasse und ihr erlaube, ihre Kinder evangelisch zu erziehen. Peter stimmte zu. So wurde unser Großvater Carl Mering 1874 in der evangelischen Kirche Pfaffendorf getauft und der erste Mering evangelischer Konfession. Philippine gebar noch drei weitere Söhne und eine Tochter. Zwei der Jungen starben, mit neunundvierzig Jahren wurde sie Witwe. Auf den Fotos, die ich von ihr kenne, sieht sie immer traurig aus, auch wenn die anderen lachen. Sie hat noch als Matrone ein edles, schmales Gesicht. Sie lebt bei ihrem Sohn Carl. Sie unterschreibt "Philippine von Mering" auf den Sonntagspostkarten an die Mitschwiegereltern, denn seit 1893 führen die Merings wieder das "von". Ich kenne kein Selbstzeugnis von ihr als eine Postkarte an ihren jüngsten Sohn Wilhelm, den 19 Jahre jüngeren Bruder meines Großvaters Carl. Auch dieser Text klingt traurig. Sie stirbt mit 74 Jahren, gepflegt von ihrer Schwiegertochter. Meine Tante Clara hat mir nie etwas von ihr erzählt.

8. Peter Joseph Mering, (Adelspatent 29. 5. 1893) geb. am 8. 1. 1843 in Herongen, kath., gest. 10. 2. 1901 in Köln

Als Peter Mering in Herongen an der niederländischen Grenze in der katholischen Kirche getauft wird, sind Paten knapp. Die kleine Stadt ist zwar überwiegend katholisch, aber die Kollegen des Vaters, die preußischen Zollbeamten, sind meistens evangelisch und zur Ortsbevölkerung bestehen nur schwache Beziehungen. Trotzdem geht Peter natürlich in die katholische Volksschule. Er ist ein Mering und als solcher katholisch. Später kehrt er mit dem Vater nach Koblenz zurück und kommt in die Maurerlehre. Die Mutter ist da schon tot, aber die treue Hausmagd Johanna, die Peter seit Kindestagen kennt, wird seines Vaters zweite Frau, so dass der Haushalt bestehen bleibt. Das Verhältnis zu den Heranwachsenden ist so gut, dass man beim Tod des Vaters diese zweite Frau auch für die Mutter Peters und seines um zwei Jahre jüngeren Bruders Friedrich hält. Der Maurergeselle Peter Mering qualifiziert sich zum Stuckateur. In den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 wird in Koblenz viel gebaut. Wahrscheinlich kennt er den Glaser Allendorf von gemeinsamen Bauten und lernt dessen Tochter Philippine kennen. Auf die Liebesgeschichte der beiden bin ich besonders neugierig. Aber ich weiß nichts. Peter gibt seine Konfession nicht auf, "hält sich" aber "zur evangelischen Gemeinde" in Ehrenfeld, wohin das junge Paar nach einer Zwischenstation in Bonn schließlich zieht. Peter gründet eine kleine Fabrik, in der er Stuckornamente vorfertigt und verkauft. Er ist nicht Meister, sondern Fabrikant. Vom Königlichen Heroldsamt bekommt er 1893 das Adelsprädikat zurück, das sein Großvater 1798 aufgegeben hat. Er wünscht, dass sein Sohn Carl in die Fabrik einsteigt. Aber der hat andere Pläne. Er fühlt sich dem Schönen verpflichtet und das liegt nicht im Kopieren gelungener Entwürfe. Sicher ist Peter enttäuscht. Der Tod der zwei nächsten Söhne zerstört seine Hoffnungen auf einen Familienbetrieb vollends. Peter muss am Ende seines Lebens ziemlich resigniert gewesen sein. Er stirbt mit 58 Jahren.

Jeder dieser acht Lebensläufe stellt eine Option auch für mein Leben dar. Gene dieser acht Menschen mischen sich in mir und meinen Brüdern. Ihre Körper- und Charakteranlagen könnten bei uns wieder auftreten. Aber auch allein die Betrachtung ihrer Biographien wirkt auf mein Lebensgefühl. Schließlich schreibe ich sie ja nicht zufällig, sondern mit vollem Bewusstsein. Fast könnte man sagen, ich erfinde diese Urgroßeltern, so wie ich die Einteilung in Familienstämme erfinde. Ich unterhalte mich mit unseren vier Urgroßmüttern: mit der verwöhnten, stets ein wenig misslaunigen Martha, mit der gehetzten Emma, die es allen recht machen will, mit der ihre Kräfte zielsicher einsetzenden, ein bisschen rechthaberischen Johanna und schließlich mit Philippine, die alles richtig gemacht hat und doch verloren. Alle diese Frauen waren Mütter, allen sind Kinder gestorben. Von Emma ist deutlich überliefert, dass sie berufstätig war. Ihr Mann konnte ohne sie die Geschäfte gar nicht weiterführen. Aber ziemlich sicher hat auch Philippine in der Fabrik ihres Mannes geholfen – und wenn sie nur die Kunden betreut hat beim Aussuchen der Stuckelemente. Martha hat zum Beruf des Mannes die Bereitschaft zu ständigen Umzügen beigesteuert und die Abendessen und Kaffeekränzchen, die sie als Frau des Kommandeurs den Frauen der untergebenen Offiziere schuldig war. Vierzehn Tage nach dem Einzug der Familie in die neue Garnison musste das erste Abendessen für die Kameraden erfolgen! Johanna als Frau eines Eisenbahners dürfte die wenigsten gesellschaftlichen Pflichten gehabt haben. Aber sie hatte sieben Kinder und das Verdienst war nicht groß. Offenbar hat sie sehr viel selbst genäht, gebacken, gekocht. Und auf den Ausflügen der Reichsfechtschule sitzt sie stets lächelnd unter großem Hut dabei.

Zwei der vier Urgroßväter erreichen nicht das 60. Lebensjahr: der Molkereibesitzer Otto Liebert und der Fabrikant Peter von Mering. Beide Männer haben in der Kindheit Armut erlebt, beide hatten sicher Angst vor Armut, beide strengten sich als Selbständige an, Besitz zu schaffen. Otto starb als vermögender Mann, Peter sicher nicht. Auch Hermann Behn und Heinrich Eberhardt waren keineswegs Erben von Vermögen. Hermann war mit vierzehn Jahren Vollwaise, Heinrich mit zwei Jahren Halbwaise. Sie wählten abhängige Berufe, der eine beim Heer, der andere bei der Eisenbahn. So weit ich sehe, hatten sie mehr Glück. Beide wurden befördert, beide brachten es zu etwas. Ihr Alter war finanziell gesichert. Ob sie aus diesem Grunde länger lebten, weiß ich natürlich nicht.