Ein Spaziergang durch das Köln der Merings

So einfach ist es nicht, das Köln der Merings zu finden. Köln ist nicht nur heute eine große Stadt, es war im Zeitalter der Renaissance die größte deutsche Stadt überhaupt. Es soll 40.000 Einwohner gehabt haben. Ein einziger Merinck unter so vielen! 1553 erwarb er das Bürgerrecht. "Hynrich Merinck van Coisfelt" steht in der Bürgerliste unter dem Datum vom 11. Januar, als Nr. 2 von nur 14 Neubürgern in diesem Jahr überhaupt. Es war kein gutes Jahr für Köln, der "Französische Krieg" tobte, der Niedergang der Stadt hatte schon begonnen, am Dom wurde nicht mehr gebaut. Luther war seit sechs Jahren tot, Köln hielt zum Kaiser und blieb katholisch. In dieser von religiös-politischen Auseinandersetzungen geprägten Zeit wurde ein Mering Kölner.

Er wurde es sicher aus sehr persönlichen Gründen: Ende 1552 könnte Meister Hermann Moytroyde, der vermutlich Merings Chef war, gestorben sein. Hynrich Merinck könnte demnach Anfang 1553 Catharina Lindtlar, Moytroydes Witwe, Mutter von vier Kindern, geheiratet haben, wodurch er, als Mann einer Kölnerin, ohne besondere Kosten das Bürgerrecht erhielt. Am 5. April 1553 jedenfalls kauft Heinrich von Meringen Wein beim Weinhändler Hermann von Weinsberg. Den Wein könnte er zu seiner Hochzeit, zur Übernahme der Handelsfirma Moytroyde ausgeschenkt haben. Wo er diesen Wein getrunken hat, wissen wir nicht. Hynrichs Adresse besitzen wir erst für 1568. Und damit den ersten Anhaltspunkt für unsern Stadtspaziergang auf den Spuren der Merings.

Aus diesem Grunde beginnen wir am Quatermarkt. Von der Hohen Straße aus ist der gut zu finden. Auf dem Quatermarkt gibt es ein italienisches Eiscafé und ein Thai-Restaurant. Wir wählen je nach Tageszeit. Wichtig ist, dass schönes Wetter ist und man draußen sitzen kann. Wir schauen Richtung Rhein. So schaut man in Köln immer am besten.

Warum heißt das hier Quatermarkt? Was wurde da verkauft? Es hieß gar nicht -markt sondern mart, Quatermart, wahrscheinlich von Martin und Quart, es war ein kölnisches Ministerialengeschlecht, das so hieß und bis ins 14. Jahrhundert an dieser Stelle einen Adelssitz besaß, einen befestigten Gutshof, steuerfrei und mit Rechten und Lehnspflichten behaftet. Das Geschlecht starb aus oder verarmte, die Stadt kaufte das "Haus Quatermart" und machte 1561 daraus ein "Bruloffhaus", ein Brautlaufhaus, das heißt, ein öffentliches Gebäude, das die Bürger mieten konnten, um ihre Hochzeiten zu feiern. Das volkreiche Köln war eng, die Wohnungen klein, man suchte damals wie heute ein günstiges Lokal, um viele Leute zur Hochzeit einladen zu können.

Wie mag das "Haus Quatermart", das "Bruloffhaus", ausgesehen haben? Das weiß man nicht. Heute ist an der Stelle des Hauses ein kleiner Platz vor ziemlich einfallslosen Bauten aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, man hat ein paar Bäumchen gepflanzt und zwei thailändische Elefanten hingestellt, da kann man sitzen und bei einem Eisbecher oder einer Portion Frühlingsrollen über die Gasse hinweg auf die Ruine von St. Alban und auf den Gürzenich gucken, eine eigentümliche Gebäudefront.

Die Kirche St. Alban, eine der alten Pfarrkirchen Kölns, wurde 1944 von Bomben zerstört. Nur die Außenmauern blieben stehen. Dass man sie nicht wieder aufbaute, lag daran, dass die Innenstadt zu menschenarm ist, um die Pfarrkirchen des Mittelalters zu füllen - aber vor allem daran, dass der unmittelbare Gundstücksnachbar "der Gürzenich" ist.

Der Gürzenich war ein Adelssitz von Ministerialen wie das Haus Quatermart. 1440 waren die letzten Gürzenich aus politischen Gründen auf verschwägerte Landgüter verzogen, der neue Rat der Stadt Köln kaufte das Grundstück, noch einige andere kleinere dazu und baute "des Rathes Tanzhaus". Hier sollte der Bürgermeister von Köln Kaiser und Könige empfangen und bewirten! Klug wie er war, wusste der Rat, dass so etwas nicht alle Tage vorkommt. Deswegen bestimmte er das Untergeschoss zum "Kaufhaus", einer Art Bazar oder Börse für Tuche und Seiden, Getreide und Wein. Es gab Zeiten, da überwog der Kaufhauscharakter absolut, weil die Feste knapp wurden. So wurde der Gürzenich schon im Buch Weinsberg um 1550 "das große Kaufhaus Boven Mauren" genannt. Boven Mauren hieß die Parallellstraße zum Quatermart, für uns unsichtbar hinter St.Alban und Gürzenich. Und die Straße hieß so, weil sie längs der römischen Stadtmauer entlanglief, "oberhalb der Mauer", boven Mauren. Heute heißt sie Martinstraße nach der verschwundenen Kirche "Klein St. Martin". Östlich dieser Straße, zum Rhein hin, hatte die alte Römerstadt ein Ende. Es begannen unsichere Böden, Nebenarme und Totwässer des Rheins, der Hafen, die Fischerkolonien, Überschwemmungsgebiet bis heute. Ein Römer baute dort nicht!

Gürzenich und St. Alban stehen also auf gewachsenem Boden, Boven Mauren. Heute sind sie ein einziges Gebäude. 1950 schuf man aus dem zerstörten mittelalterlichen Tanzhaus des Rates und aus der Kirchenruine ein Gesamtkunstwerk - einen modernen Ausstellungs- und Veranstaltungskomplex, in dem viele Künste gepflegt werden. Dabei wurde auch der Rest des kleinen Friedhofs von St. Alban mit überbaut. Deswegen schauen wir über unser Terassentischchen hinweg auf diese geschlossene Wand, nur die leeren Fensterhöhlen der Kirche, die Schallluken des Kirchturms, die farbigen Glasfenster gestatten ein wenig Durchblick. Die Erklärung für dies einem Fremden schwer verständliche Ensemble liegt im 19. Jahrhundert, in der neu erwachten romantischen Liebe zum alten Köln. Der mittelalterliche Dom und der Gürzenich wurden neu aufgebaut. "Das große Kaufhaus" wurde zum Konzert- und Festsaal renoviert und damit eine Institution im Kölner Gesellschaftsleben. Ohne Gürzenich kein Köln! Unser Urgroßvater Heinrich Eberhardt, unser Großvater Carl von Mering, sie gingen trotz bescheidener Einkommen mindestens einmal im Jahr in den Gürzenich: zum Karneval. Das war ein Muss für einen Kölner. Daher war es für die Kölner auch nach dem 2. Weltkrieg selbstverständlich, den Gürzenich neu zu beleben.

Welch ein Glück für uns Merings! Wir können hier, am Beginn des 21. Jahrhunderts, unser Eis schlürfen oder unsere Frühlingsrollen knuspern und nachdenklich hinüberschauen auf den Ort, der dem ersten Mering in Köln Zuhause war: seit 1568 wohnte er nachweislich "Boven mauren" oder "muren" "in der muntzen". "die muntze" war die Münzwerkstatt, die der Rat 1491 direkt an den Gürzenich hatte anbauen lassen, aber wegen der galoppierenden Inflation kaum zum Münzenschlagen benutzte. So hatte er sie vermietet. Am 5. Juni 1579 verfaßte Henrich Merinck hier sein Testament zugunsten seiner leiblichen Kinder, "in meiner, Merincks, Behausung negst dem großen Kauffhauße Boven Mauren" und 1587 wurde unser Vorfahr in St. Alban begraben. Wir schauen auf den Ort seines Lebens und seines Todes. Die Erbauer des Gesamtkunstwerks haben auch für Hynrich Merynck oder Henrich Merinck ein Gesamtdenkmal geschaffen.

Die Münze gehörte Henrich Merinck natürlich nicht, er wohnte zur Miete. Er war steuerpflichtig 1568, 1579 war er in der gleichen Straße Bürger und "bewert", d. h. er besaß die vorgeschriebenen Waffen zur Verteidigung der Stadt. Aber er zahlte keine Schornsteinsteuer 1582, denn die zahlten nur Hauseigentümer. Trotzdem muss er in diesen Jahren zwischen 1553 und 1579, wo Kölns Niedergang beginnt, wo die Reformationswirren tosen, sehr wohlhabend geworden sein durch sein "Rennen und Laufen", sein "mühebend Arbeiten", denn er schreibt stolz, dass beim Tod seiner ersten Frau Cathrein, als er die Stiefkinder auszahlte, das gesamte Familienvermögen "nit viel über viertausend Daler wert" gewesen sei, ein, wie man den folgenden Sätzen entnehmen kann, lächerlicher Betrag im Vergleich zu dem Vermögen, das er jetzt mit seiner zweiten Frau teilt.

Womit mag er gehandelt haben? Nicht mit Wein, obwohl er 1553 und 1557 bei Hermann Weinsberg Wein gekauft hat, wie in dessen Rechnungsbuch zu lesen - aber nur eine Menge für den Hausgebrauch. Mit Waffen etwa? Die Seitengasse zwischen Boven Mauren und Quatermart, an der er wohnt, hieß lange Zeit die Schmittgasse. Die alte Münze eignete sich vielleicht auch als Warenlager für Schwerter und Lanzen. Unwillkürlich füllt sich unser Ohr mit dem Hämmern auf zahlreichen Ambossen, mit dem beizenden Geruch der Essen, dem Anblick der Abfallhaufen. 1559 klagt man in einem Ratsprotokoll, wie Leonhard Ennen berichtet, dass trotz der erlassenen Verbote "große Fäulnis" an das Kaufhaus Gürzenich und in die Schmiedegasse gefahren werde. Höchst wahrscheinlich sitzen wir heute sauberer und gemütlicher auf dem Quatermarkt als zu Henrichs Zeiten! Aber Henrich Merinck kannte es nicht anders.

Bei Henrich Merinck in seiner "Behausung" lebt seine zweite Frau. Es ist Christina aus der alten Kölner Familie von Monheim. In St. Alban werden die gemeinsamen Kinder getauft: Adolph, Johann, Gertrud, Katharina und wieder ein Heinrich. Das können wir behaupten, weil wir wissen, dass Kirchspielzwang besteht, Heinrich also den Ort für die Taufen seiner Kinder nicht frei wählen konnte. Das Taufbuch ist nicht erhalten. So können wir die Geburtsjahre der Kinder nur raten: etwa zwischen 1565 und 1579. Jedenfalls sind sie zur Zeit der Abfassung des Testaments 1579 noch klein. Ihre Mutter soll sie großziehen, wenn Henrich Merinck bald sterben muß, wie er heftig befürchtet. Christina von Monheim wird ganz allein zur Testamentsvollstreckerin eingesetzt. Es klingt, als sei sie viel jünger als ihr Mann, tatkräftig und gesund. Aber Henrich lebt laut dem Genealogen von der Ketten noch 8 Jahre und dann stirbt auch Christina bald nach ihm.

Die Vollwaisen werden, nach dem Genealogen A. Fahne, "in Häusern der Schaafenstraße erzogen". Das muss zwischen 1588 und 1595 gewesen sein. In die Schaafenstraße werden wir jetzt nicht gehen. Damals war sie vielleicht noch ganz dörflich, heute ist sie eine lärmende Verkehrsader. Ihre Gebäude sind nicht älter als 30 Jahre. Da finden wir nichts mehr von der Atmosphäre, in der die Kinder Mering erwachsen wurden. Lieber spazieren wir noch einmal um den Gürzenichkomplex herum, betrachten die restaurierten Renaissancetreppentürmchen an den Ecken, die ganze, eigentümlich massige Gestalt und unter der ausladenden Platane den Rest der Stadtmauer, der uns das "Boven Mauren" sinnfällig machen soll. Dann gehen wir hinunter durch die Judengasse zum "Alten Markt" und zum Rathaus, den Weg, den Henrich vor mehr als 300 Jahren so oft gegangen ist, um seine Geschäfte zu tätigen, seinen Bürgerpflichten zu genügen oder einfach aus Neugier.

Zum Ratsherrn hat es dieser erste Mering aus Coesfeld nicht gebracht, das wird erst sein Enkel. Aber finanziell gut versorgt müssen seine Kinder alle gewesen sein. Zwei Söhne studieren Theologie, werden geistlich, Johann bei den Jesuiten, Adolf als Kirchenjurist im Kloster Weidenbach. Die Tochter Gertrud heiratet den Münzmeister des Rheinisch-Westfälischen Kreises Philipp von Aldendorf aus Münstereifel, die andere den Kölner Kaufmann Reimbold Siebers. Und der einzige Sohn, der wieder Söhne hat, Henrich II. sozusagen, ist wieder "Bürger und Kaufmann zu Köln" und hat von zwei Ehefrauen 13 Kinder. Ihm wenden wir uns jetzt zu, wenn wir vom Alten Markt weiter rheinwärts ins Martins-Viertel gehen. Heute ist das ein behagliches Altstadtviertel, damals war es als Hafen- und Kaufmannsviertel sicher laut und geschäftig. In St. Martin, der nach dem 2. Weltkrieg vollständig wieder aufgebauten romanischen Kirche, läßt Henrich Meringh ab 1603 die ersten seiner zahlreichen Kinder taufen. Leider wissen wir auch bei dem 2. Henrich Meringh nicht den Beruf. Womit hat er gehandelt?

Ganz gewiss war er wohlhabend, das sieht man, wenn man den Werdegang seiner ihn überlebenden Kinder betrachtet: Henrich III., Theologe, bekommt ein Stipendium am Kollegium Germanicum in Rom, Caspar wird Beamter beim Osnabrücker Bischof, Theodor promoviert in Rom und hat später als Professor für Medizin eine Universitätspräbende in Köln. Dazu brauchte man Geld und wohl auch Protektion.

Vielleicht wohnte der zweite Henrich wie sein Vater in Sichtweite der zuständigen Pfarrkirche, doch haben wir keine Adresse im Martins-Viertel. Eine Adresse dieses Kaufmanns haben wir erst im Kirchspiel St. Kolumba. Zwischen 1623 und 1631 läßt er sein 8. bis 13. Kind in der Kirche St. Kolumba taufen. 1628 erwähnt der Kirchenbuchschreiber die Adresse Henrich Meringhs: "im Drachen prode Minoribus" - also "im Drachen vor dem Minoritenkloster", das ist die heutige Drususgasse. Der Pfarrer von St. Kolumba heißt Kofferen und ist Professor an der Universität.

Ob das Haus zum Drachen in der Drususgasse Henrich Meringhs Eigentum war, weiß ich nicht, weil leider die schönen Schornsteinsteuerlisten nicht fortgeschrieben wurden. Dass er das Haus gekauft haben könnte, vermute ich, weil auch sein 13. Kind, unser Vorfahr, der Medizinprofessor, noch seinen Sohn Heinrich in St. Kolumba taufen lässt. 1670 aber, wo er seinen Bürgereid leistet, wohnt Theodor im Viertel Maria im Pesch. Testamente von Vater und Sohn sind leider nicht erhalten. Das Haus zum Drachen hat noch lange Zeit gestanden, geschmückt mit einem Salvatorbild, d.h. dem eben gestorbenen Christus am Kreuz. Das Bild des Salvators wurde üblicherweise an Häuser geheftet, in denen die Pest wütete, zum Zeichen der Quarantäne. Dr. med. Theodor Mering war als Professor der medizinischen Fakultät für Quarantäne zuständig. Könnte sich der Hausschmuck also auf seinen Beruf und die Pestepidemie von 1663 – 1669 beziehen?

Das Salvatorbild am Haus zum Drachen gibt es nur noch in Büchern, die ganze Gegend ist im 2. Weltkrieg übel zerstört worden, nur die Straßenzüge sind erhalten. So geht man immer noch die gleichen Schritte aus der Drususgasse "vor den Minoriten" zu St. Kolumba - und ich ging sie zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Frau vom Lande, die bei den Minoriten hatte beichten wollen und keinen Beichtiger gefunden hatte. Mich, ausgerechnet mich, die Fremde, die Evangelische, fragte sie, wo sie hier in der Nähe beichten könne! Und ich wußte es, ich, eine Mering aus Köln: in St. Kolumba. Hier haben die Merings gebeichtet, von 1623 bis 1670 etwa, und hier kann man heute noch beichten, ab 9 Uhr morgens bis abends. Von der Kirche St. Kolumba wurde ein Teil des Chores gerettet - wunderbar hat die Mutter-Gottes-Statue den gewaltigen Fliegerangriff überlebt - eine Kapelle ist übriggeblieben, berückend modern überformt, ein Raum der Meditation. Der betende Obdachlose auf dem Steinsessel und der auf seine Beichtkinder kniend im Gebet wartende Priester unterstreichen die Atmosphäre. St. Kolumba also! Hier muss eine Mering ein Vaterunser beten, ehe sie weitergeht.

Von hier gehen wir nämlich zum Dom. Zur Universität brauchen wir nicht zu gehen, der Professor lehrte in seinem Privathaus. Medizin war zu seiner Zeit in Köln eine rein theoretische Wissenschaft, Kandidaten fürs Lizentiat mussten schwören, keine Chirurgen zu sein! Eventuell könnte Theodor in der Laurentianerburse gelehrt haben, die auch im Viertel St. Kolumba lag, aber das weiß ich nicht. Wir gehen jetzt zum Dom.

Den Weg nehmen wir über den Gülichplatz. Das ist zwar ein Umweg, aber er lohnt sich. Dieser winzige Platz ist die Stelle, wo das Haus des "Aufrührers" Gülich oder Jülich stand. Er war ein Handwerksmeister, Zunftgenosse, der fast den Kölner Rat gestürzt hätte, den Rat, in dem endlich ein Mering Mitglied geworden war. Dr. med. Theodor war sogar Stimmeister, das war derjenige Ratsherr, dessen Stimme bei Stimmengleichheit entschied. Bei der Bekämpfung des Aufrührers Gülich soll unser Vorfahr Theodor Mering "in besonderer Weise thätig" gewesen sein. In welcher Weise, kann ich mir noch nicht vorstellen, vielleicht einfach durch seine Stimme. Jedenfalls siegte am Ende der Rat der Patrizier über die Zünfte. Gülich wurde enthauptet, sein Haus dem Erdboden gleich gemacht – dadurch entstand dieser kleine Platz, den ursprünglich eine Schandsäule zierte. Ob Theodor Mering gerne an diesen Platz ging, den Triumph des Siegers genießend, oder ob er ihn eher mied, einen Platz der Schuldgefühle? Der Stimmeister, meint der Hobby-Historiker Everhard von Mering, galt als nobilis, durfte sich "von" nennen. Vielleicht zählen wir seit dem Tod Gülichs zum Patriziat von Köln. Jedenfalls hat sich der ältere Bruder Theodors immer "Mering" geschrieben, der älteste Sohn Theodors immer "de Mering".

Heute steht auf dem Gülichplatz, der beherrscht ist vom Tabakhaus Neuerburg, der Fastnachtsbrunnen von Georg Grasegger, erstmals errichtet 1913. Ein wahrhaft schönes Stück ist dieser Brunnen, der an Goethes Besuch in Köln 1825 und an seine Billigung des Karnevals als "flüchtigen Rausch" erinnert. Georg Grasegger kam als Bildhauer aus München nach Köln, war gleichaltrig mit unserm Großvater Carl von Mering und wurde sein bewunderter und wohl auch gefürchteter Lehrer. In diesem Brunnen sehen wir vielleicht unsers Großvaters Hand – denn Grasegger hatte ein großes Atelier und machte längst nicht alles selbst – aber es ist Graseggers Geist, dem Carl sich fügen musste. Carl wurde den großen Lehrer nie los, so wie vielleicht Theodor nie seinen Gegner, den bürgerlichen Handwerker Gülich, los wurde. Am Gülichplatz stehe ich gerne und schaue in mich hinein, eine Mering in Köln.

Aber nun wirklich in den Dom, nicht zu früh, das hat keinen Zweck, dann ist das Gitter vordem linken Seitenschiff noch gar nicht geöffnet. Wir müssen aber zum Gerokreuz. Vor dem Gerokreuz halten alle Domführungen an, und wir lauschen einer Dame, die gerade erklärt, wir sollten den Altar des Kreuzes uns wegdenken, das sei nur Barock, das Kreuz selbst mit dem gerade eben gestorbenen Jesus, dem Salvator der Welt, das sei eins der ältesten Stücke im Dom überhaupt, aus dem 10. Jahrhundert zur Zeit Herzog Geros und ganz einmalig in Größe und Lebenstreue. Und dann folgen die Einzelheiten dessen, was man auch selbst sehen kann. Wir Merings aber, wir denken uns den Altar nicht weg! Unter unsern Füßen, in der Gruft, ruhen die beiden Domherren unserer Familie. Einer davon hat diesen Altar entworfen und bezahlt, der ältere Henrich, im Jahr 1686. Das liest man, wenn man rechts in den Gang neben dem Altar tritt, in einem schönen Chronogramm:

HENRICVS MERING

SENIOR:PBR: CANONI

CVS&CAPITVLARIS

CONCEPIT&EREXIT:

 

Der Altar in seinem klassischen Stil soll ganz einmalig sein in Köln, das sonst im Barock schwelgte. Wahrscheinlich kostete es einige Durchsetzungskraft, das Kreuz, einen wichtigen Teil des Pilgerprogramms im Dom, so zu rahmen. Aber Heinrich Mering III. war einflußreich. Noch heute zeigt seine Büste im Epitaph über uns an der Wand ein zugleich demütiges und doch frohlockendes Lächeln. Henricus Mering lächelt dem Gekreuzigten zu: "quae ultra me non angunt" - "dass das Letzte mich nicht ängste - patienter candide ". Geduldig und rein. Was für ein Anspruch! Ich überlasse Euch seinem Anblick und Euren eignen Gedanken. Er starb am 4. April 1700.

Die Messen, die er hier stiftete, verlegte sein Neffe und Nachfolger, der Domherr Heinrich de Mering, nach Wipperfürth, an die dortige Familienstiftung am Kreuzberg. Bis zu seinem Tode 1735 wohnte dieser 2. Domherr de Mering in Köln, in der Tranckgasse nahe am Dom. Zwei seiner Testamente sind erhalten. Darin versucht er Sorge zu tragen nicht nur für die Stiftung in Wipperfürth, sondern auch für den weltlichen Bruder Johann Friedrich, der offenbar ein Leichtfuß ist und Schulden hat. Ihm darf man nie auf einmal eine größere Summe auszahlen, sonst beschlagnahmen die Gläubiger das Geld. Dieser Johann Friedrich lebt seit 1725 mit Frau und Kindern als Direktor des kurkölnischen Zolls in Andernach. Zwischen 1735 und 1790 scheint kein Mering in Köln gewohnt zu haben. Das ist den Archivaren Kölns so bekannt, dass sie fragen: Merings? Waren die nicht aus Andernach? Und auch "der Kneschke", das Neue Allgemeine Deutsche Adelslexikon von 1864 und 1930 glaubt, dass die Merings aus Andernach stammen. Coesfeld ist lange vergessen.

Die Frage nach der Herkunft der Merings ist natürlich spannend. Nach meinem heutigen Wissensstand kommen sie aus Coesfeld. In Coesfeld ist der Name Merinck oder Meyerinck im 15. Jahrhundert so häufig wie sonst nirgends. Aber es gibt auch frühe Merings in Trier. Trotzdem kann man die Merings Kölner nennen. Jedenfalls haben sie sich dort mehrere Generationen lang um einen Platz an der Sonne bemüht. Zum Kölner Klüngel aber gehörten sie nie.

1791 heiratet in Andernach ein Sohn des Zolldirektors, Everhard Oswald von Mering, eine von Wecus. Sie besitzt das Haus zur Mühle bei Köln, das Paar lebt dort oder in einem Kölner Stadthaus. Nach Aussage ihres Sohnes ist es 1799 das Haus zum Stern, das Geburtshaus von Rubens, gewesen. Die drei Kinder von Mering werden im Dom getauft. Die Familie ist so reich, dass sie ohne Beruf auskommt. Everhard Oswald wetteifert mit den Patriziern Walraff und Boisserée im Ankauf von Kunstwerken aus den säkularisierten Klöstern. Seinen einzigen Sohn Everhard lässt er exclusiv im Hause erziehen. Als die Eltern zu früh sterben, ist Everhard offenbar fürs Leben schlecht gerüstet. 1824 verliert er sein ganzes Vermögen, auch das schöne Palais Monschau in der Severinstraße 218, das sein Vater 1800 erworben hatte.

Doch wird gerade dieser Mering der Kölner Mering schlechthin. Wenn unser Name in Köln jemandem bekannt vorkommt, so meint er Dr. h.c. Everhard von Mering, den Regionalhistoriker. In den Jahren, als man sich der Wichtigkeit von Urkunden für die Geschichtswissenschaft bewusst wurde, hat er eifrig alte Texte gesammelt, abgeschrieben und herausgegeben. Sein Buch "Geschichte der Burgen, Rittergüter, Abteien und Klöster in den Rheinlanden" ist ein Standardwerk, es erlebte 1973 ein Reprint. Everhard ist nicht unser Vorfahr. Er ist der Vater des Medizinprofessors Joseph Julius in Halle und er ist der Großvater des Wirtschaftsprofessors Otto von Mering, der zur Hitlerzeit nach U.S.A. auswanderte. Seine Nachfahren sind die von Merings in Boston und Florida, zu denen meine Nichte Sabine von Mering Kontakt fand.

Von unseren Vorfahren kehrte erst 1876 unser Urgroßvater Peter Mering nach Köln zurück. Sein Großvater hatte in der Französischen Revolution das von abgelegt und sein Vater hatte es wegen seiner Armut nicht geführt. Warum Peter Mering zurückkehrte? Aus ganz persönlichen Gründen. Er hatte vorher in Koblenz und Bonn als Stuckateur gearbeitet. Köln war nach der Reichsgründung eine aufstrebende Großstadt, in der viel gebaut wurde. Peter siedelte sich in Ehrenfeld an und gründete eine Figurenfabrik, zuerst in der Keplerstraße, dann in der Gutenbergstraße. Es war ein bescheidenes Geschäft. Um 1893 hatte er keinen Angestellten außer seinem Sohn Carl, unserm Großvater. Reich wurde er nicht. Aber das "von" konnte er seit 1896 mit Erlaubnis des Königlichen Heroldsamtes in Berlin seinem Nachnamen wieder hinzufügen.

Peter war Katholik wie seine Vorfahren, aber er hatte in Koblenz eine evangelische Frau geheiratet. Philippine Allendorf bestand darauf, alle ihre Kinder evangelisch zu erziehen. Peter war es Recht. Er selbst blieb zwar Katholik, doch er "hielt sich zur evangelischen Gemeinde". So wurde er 1903 auch vom evangelischen Pfarrer begraben.

Unser Großvater Carl, noch in Koblenz geboren, wuchs also als evangelischer Mering in Köln auf. Er hatte sein Bildhaueratelier zunächst in Ehrenfeld, seit 1911 im eignen Haus in der Bismarckstraße in Rodenkirchen. Und auch unser Vater wurde 1909 in Köln geboren und evangelisch erzogen. Waren sie Kölner? Unser Großvater, mit 22 Jahren durch die Namensänderung auf seine Herkunft aufmerksam geworden, berief sich gern auf die alten Merings in Köln, er hängte den Mering'schen Stammbaum nach Adolf Fahne in seinem Salon in der Weinsbergstraße 124 auf. Aber das immer noch sehr katholische Köln war inzwischen eine moderne Großstadt. Es nahm so wenig Rücksicht auf seine Söhne! Und zum Kölner Klüngel hatten die Merings nie gehört.

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