Chronologie

 

29.9.1943: Aus weiter Ferne kommt heute mein Gruß zu Dir, wir sind noch nicht am Ziel – vielleicht morgen oder übermorgen. Aber es geht mir gut.

30.09.1943: Wieder ein Tag weiter. Bisher habe ich die Fahrt sehr gut überstanden und bin bester Stimmung. Ich hoffe, in den nächsten Tagen meinen Absender angeben zu können. Ich kann nicht viel schreiben, obwohl viel zu erzählen wäre von Land und Leuten. Als Ferienreise wäre es ganz interessant, aber zum Daueraufenthalt würde man sich andere Gegenden aussuchen….

3.10.1943: Wir fuhren Sonntagabend um 10 Uhr in den üblichen Güterwagen los. 36 Mann mit allem Gepäck, unter dem auf dem Marsch von der Kaserne bis zum Bahnhof Darmstadt schon eine ganze Reihe umgefallen waren, war für die Wagen arg eng….

Die Fahrt ging von D. nach Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern, Fulda, Bebra, Halle, Neubritschen, Posen, Gnesen, Hohensalza, Thorn, Allenstein, Insterburg, Kowno, Wilna, Dünaburg, Ostrow, Pleskau. Das sollte unser Ziel sein. Wir wurden aber nicht angenommen und mussten nach Ostrow zurück….

Nun ist ja noch nicht sicher, wie lange wir hier bleiben können. Es wird überall planmäßig geräumt; man sieht es an den Mengen von Güterzügen, die schon beladen der Heimat zurollen, und die Alten begrüßten uns mit der Frage: „Was wollt ihr denn noch hier? Es geht doch in die Heimat!“ …

Die größte Enttäuschung war, dass wir zur Infanterie gesteckt wurden. Es ist eben heute alles möglich, man muss sich das Wünschen abgewöhnen….

das Erscheinen des Chefs, der Unterricht hielt, … Er sagte u.a., dass mit Urlaub frühestens nach einem Jahr Russlandsaufenthalt zu rechnen sei! Das sei ein neuer Befehl des Führers…

Eben höre ich aus dem Wehrmachtsbericht, dass die Flieger in München waren. Da habt Ihr auch wieder im Keller gesessen

26.10.1943: Wir kommen in den nächsten Tagen von hier 100 km weiter westlich, näher zu Weliki-Luki (oder wie sich dieser Ort nennt)(Welikije Luki), also näher an den Feind, in ein richtiges Partisanengebiet. Ich bitte Sie aber, nichts meiner guten Frau zu sagen; sie würde sich zu sehr sorgen. Ihnen schreibe ich es mit der Bitte, meiner fürbittend zu gedenken, wenn Sie für Ihre Soldaten beten. Ich habe oft jetzt den Ein­druck, als sei es Gottes Wille, daß ich nicht mehr heim kommen sollte. Ich denke es ohne Angst; ich bin mit allem fertig. Es ist ein großer Friede in mir; ich kann sterben. Und doch kommen dann wieder Au­genblicke, wo ich es nicht fassen kann, daß das nun die Wirk­lichkeit meines Lebens ist, und daß mein ganzes Glück so weit, so von mir entfernt ist; und manchmal ist es mir dann ganz dick ums Herz, daß ich laut schreien könnte: Mein Gott, warum das alles!

31.10.1943: Sie haben sicher schon gehört, daß ich mit 10 Kamera­den hier in Ostrow bleiben durfte, während die andern auf einen Stützpunkt in richtiges Parti­sanengebiet kamen. Ist das nicht wieder eine wunderbare Bewah­rung Gottes! Wir bleiben hier, bis die andern wieder von dort zurückkommen, dann treffen wir wieder mit ihnen zusammen. Das kann 4 - 8 Wochen dauern. Hier haben wir vor allem Wache zu schieben, werden auch weiter ausgebildet - vor allem am M.G.; aber der Dienst ist doch nicht so streng wie im großen Haufen. Als ich gestern abend Wache stand, war im Nordosten wieder der Himmel rot, wo die Russen Dörfer angezündet hatten. Was mögen wir noch alles erleben.

2.11.1943: Mit meinem Schreiben ist jetzt nicht viel los. Ich weiss nicht, wo die Zeit bleibt. Als wir mit den andern noch zs. waren, da kamen wir nicht so oft zu Stubendienst und Wache. Augenblicklich kommt man fast gar nicht zur Ruhe. Wir wollen unsern Uffz. bitten, von einer andern Kompanie einige Leute dazu zu nehmen, damit wir nicht zu oft Wache schieben müssen. Es fängt jetzt an, kalt zu werden. Nachts frieren wir schon tüchtig und wenn man nicht ausgeschlafen hat, ist das noch schlimmer. Wir waren 11 Mann zur Wache hier. Von diesen 11 ist einer abkommandiert zu einer anderen Kompanie, 2 sind auf dem Revier, also krank. Da bleiben 8 Mann noch übrig für Dienst und Wache.

6.11.1943: . Ein älterer Soldat meinte heute übrigens, wir blieben voraussichtlich noch bis dahin hier in Ostrow. Das wäre schön. Wir haben es hier besser als unsere Kameraden, die dauernd in Alarmbereitschaft wegen der Partisanen sein müssen. Hier ist alles ruhig.

20.11.1943 (Ruths Adventsbrief) Mi. u. Do. zwar wurde es spät – da wir von ½ 8 bis ½ 11 ekligen Alarm hatten. In Sahlbach bei Dillingen und Wahlschied fielen Bomben – Häuser abgedeckt u. Scheiben kaputt. Sonst nichts passiert. Aber d. Nachbarschaft war mal wieder da u. in d. 1. Nacht hatten wir d. Kinder in d. Küche u. die 2. im Keller. Bös.

22.11.1943: Wir befinden uns auf dem Transport nach Kupiskis in Litauen und liegen seit gestern hier in Dünaburg fest.

25.11.1943: Den letzten Brief schrieb ich von Dünaburg, von unsrer Fahrt nach Kupiskis. Gestern sind wir hier angekommen. Auf allen Bahnhöfen hatten wir stundenlang Aufenthalt; gleich kamen dort Leute (Russen, Esten, Litauer – je nachdem, wo wir gerade waren) um zu tauschen. Sie brachten Eier, gebratene Hühner, Butter und suchten Sacharin, Seife, Kerzen, Zigaretten, Streichhölzer. Ich tauschte auf einem Bahnhof ein gebratenes Huhn, fertig zum Essen, gegen 3 Schachteln Zigaretten und 3 von Deinen Kerzen.

3.12.1943: Wir haben es hier recht gut getroffen und könnten es noch recht lange aushalten. Leider ist jetzt aber unsere Ausbildungszeit herum (morgen) und nun können wir jederzeit mit unsrer Abstellung rechnen. Ich habe gestern und heute von allen bewohnbaren Gebäuden Grundrissskizzen anfertigen müssen, damit festgestellt werden kann, wie viel Militär hier untergebracht werden kann. Da hatte ich zwei gute Tage. Heute abend hatte ich den ehrenvollen Auftrag, für die Herren Vorgesetzten ein Huhn zu rupfen und auszunehmen. So kann man beim Barras alles lernen! Gestern abend rief mich unser Feldwebel, ein gemütlicher Westfale, aus angeheitertster Stimmung an und fragte mich nach einer Bibelstelle. Ob das früher auch vorgekommen ist? – Mit den 8 Kameraden, mit denen ich die Stube teile, verstehe ich mich sehr gut. Es sind alles ehrliche, biedere Familienväter, die sich im Militärleben noch nicht so recht wohlfühlen können. – Das Wetter ist sehr angenehm: Leichter Schnee und etwas Frost, so dass es schön trocken draußen ist. Diese Nacht haben wir wieder Kasernenstreife. Ich komme von 10 – 12 Uhr mit einem Kameraden an die Reihe.

4.Advent: Über 8 Tage war keine Post gekommen, gestern kam ein Obergefreiter von unsrer Kompanie – ich war gerade in der Küche zum Kartoffelschälen kommandiert, als einer von unsrer Gruppe mit dem Jubelruf hereinkam: Es ist Post da! – Du kannst Dir sicher vorstellen, wie uns dann das Herz klopft vor Freude. Es ist richtig schwer, noch weiter zu schaffen. Am liebsten liefe man gleich aufs Zimmer. Die Kartoffelschalen fielen sogleich etwas dicker aus, damit ich schneller fertig wurde; aber dann ging’s auch los.

Leider stand in jedem Brief, dass Du von mir keine Post hättest. Du glaubst nicht, wie schmerzlich mir das ist! Ich habe schon oft zu den Kameraden gesagt, lieber verzichtete ich auf Post von daheim, als dass zu Hause auf Post gewartet wird. Du machst Dir ja gleich viel mehr Gedanken und Sorgen um mich, weil Du nicht weißt, was aus mir geworden ist. Dabei geht es uns hier so gut wie man es sich nur wünschen kann. Wo mögen nur meine Briefe stecken geblieben sein. Sie gehen von hier ja ganz unregelmäßig ab. Wir geben sie Kameraden mit, die nach größeren Orten fahren. Wie leicht kann da mal einer verloren gehen! Ich habe in letzter Zeit auch nicht mehr jeden Tag geschrieben. Es ist schwer, wenn keine Post kommt und vor allem nicht jeden Tag Post abgeht. …

Schrecklich ist ja dieser dauernde Alarm. Die Rodenkirchener u. Ulli schreiben auch davon. Das ist ja viel schlimmer geworden als wo ich noch zu Hause war.

23.12.1943 (an die Petzingertanten) Ich weiß schon, daß mein Brief heute nichts richtiges wird. Wir sind alle etwas ge­schlagen durch die Nach­richt, die uns gestern erreichte, daß wir am Montag, den 27., von hier fort wieder zur Kompanie kommen und von dort an die Front abgestellt werden. Damit hat die schöne, freie Zeit hier ein Ende und wir wissen nicht, was nun unsrer wartet.

25.12.1943 (an seine Schwiegermutter) Was ich Dir als Schönstes auf Erden wünschen kann, ist wohl dies, wie es die Psalmen ausdrücken: daß Du sehen mögest das Glück Deiner Kinder! Denn ich weiß jetzt von mir sel­ber, wie das Wohl der eigenen Kin­der unsere eigene Lebenskraft bedeutet. So möge denn Gott Dir das schen­ken, liebe Mutter. Von mir darf ich Dir als kleines Geburtstagsgeschenk schreiben, daß ich das große Glück habe, noch länger hier zu bleiben, wäh­rend die andern am 28. 12. von hier fort zur Einheit und von da sehr wahr­scheinlich zur Front abgestellt werden. Von den 60 Leuten bleiben nur 12 zurück, zunächst als Wache und später, wenn die neuen Rekruten kommen, soll ich nach Aussage meines Uffz. Hilfsausbilder werden. Mir war, als wir zwei Tage vor Weihnachten die Botschaft bekamen und niemand wußte, wer hier bleiben darf, doch arg schwer ums Herz und dann war es mir wie eine Gebetserhörung, als mir ge­stern beim Zusammensein zur Weihnachts­feier gesagt wurde, ich bleibe hier in Kupiskis.

26.12.1944: Ich habe mir diesen Weg überlegt, da ich mit 11 andern Kameraden, 1 Feldw. und 1 Uffz. nun doch hier in Kupiskis zurückbleibe, während die andern alle morgen schon zur Kompanie kommen, um von dort an die Front abgestellt zu werden. Ich schrieb Dir schon im Brief nach Mbg. davon, dass ich wieder das große Glück habe, hier bleiben zu dürfen und dass ich sehr wahrscheinlich bei den neuen Rekruten Hilfsausbilder werde. Das wäre ja dann die 1. „Beförderung“! Mal sehen! Dann bleibe ich jedenfalls noch länger hier und das würde ich ganz gern. Seitdem nun das Soldatenheim eingerichtet ist, ist doch noch eine gemütliche Bleibe außerhalb der Kaserne. Die R.K. Schwester, 39 Jahre, geb. aus Graudenz, wohnhaft in München, macht einen sehr feinen, gebildeten und energischen Eindruck und hat unsere Vorgesetzten bei der Weihnachtsfeier schön im Zaum gehalten, dass sie nicht alle Schlager sangen und sich so übermäßig betranken. Es gab dann einfach nichts mehr; und unser Feldw. sagte mir ärgerlich, die Schwester wäre wohl nur zu Offizieren freundlich. Ich traf sie heute, als ich ganz allein zum Schi-Laufen war (zum 1. Mal in herrlicher Schneelandschaft – ich kam mir so frei vor) da sagte sie, der Feldw. wäre wohl nicht gut auf sie zu sprechen, er wäre gestern abend so schnell fort gegangen; dabei lachte sie lustig. Heute Nachmittag gehen wir wieder ins Soldatenheim zu Kaffee u. Gebäck. Wenn morgen die Kameraden fort gehen, dann beginnt für uns paar Mann die Zeit endloser Wache. Etwas anderes werden wir wohl kaum zu tun bekommen. Ich hoffe sehr, dass der Uffz., der hier bleibt (Engel von d. 2. Komp., vgl. Gedichte) Tischtennis spielen kann. Im Soldatenheim ist ein richtiger Tisch dafür. Schi-Laufen will ich auch, wenn es die Zeit erlaubt.

30.12.1943: Man geht ja mit soviel Sorgen und bangen Fragen in dies neue Jahr hinein. Möchte es uns wieder zusammen führen. Als ich noch bei Dir war, hoffte ich immer, der Krieg ginge bald zu Ende; aber hier, wo man nichts hört und sieht, meint man, es könne das Ende noch gar nicht so schnell kommen. Ja, eigentlich kann ich mir überhaupt kein Ende vorstellen. Durch die beiden Kuriere unserer Komp., die gestern kamen, hörten wir vom Untergang der Scharnhorst am 26. 12. Wie viel großes Leid ist gerade wieder zu Weihnachten durch dieses Unglück über unser Volk gekommen. Soll denn das alles kein Ende nehmen? Das kann ja kein Mensch aushalten! Und hier an der Ostfront sind die Kämpfe immer in gleicher Heftigkeit. Wie viele müssen da täglich ihr Leben lassen! Wie viele werden 1944 noch fallen; und sie haben alle nach Hause gebangt, haben vielleicht auch Frau und Kinder! Warum muss das nur sein! Gottes Zorn und Gericht muss doch arg groß sein, dass er seine Hand so schwer auf uns liegen lässt. – Was hört man denn in der Heimat für Stimmen? Ist es mit den Fliegern immer noch so schlimm?

2.1.1944: Ich hatte diese Nacht von 12 – 1 Wache (wir stehen jetzt nur 1 Stunde nachts), da konnte ich vor lauter Schnee kaum etwas sehen. Zum Glück brauchte ich nicht noch mal heraus und konnte heute morgen bis 9 Uhr schlafen, d.h. ich hätte auch noch länger liegen können, denn es gibt kein Wecken mehr! Wir können schlafen zu jeder Zeit, wo wir keine Wache haben. Ein besseres Leben können wir uns gar nicht denken. Die Verpflegung ist auch sehr gut jetzt. Gestern gab es Entenbraten mit Salzkartoffeln – ganz herrlich! Die Soße war reines Entenfett. – Und Du solltest die Kameraden mal erzählen hören, wenn sie nachts oder morgens von ihren litauischen Hausbesuchen zurückkommen. Ich hätte nie gedacht, dass es so was jetzt noch im Krieg gäbe! Sie bekommen so viel aufgetischt, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Gänsebraten, Schweinefleisch, Weißbrot, Butter, Gebäck, Speck, Hausbier, Schnaps, Sahne – alles durcheinander. Die Butter müssen sie fingerdick streichen, die Sahne wird mit Esslöffeln gegessen.

Unser Herr Feldwebel hat jede Nacht eine litauische Schöne auf seinem Zimmer; und der Uffz. ist nachts fast nie daheim, weil er auch eine Liebschaft hat; so geht es bis zum Gefreiten hin. Sie machen auch gar kein Geheimnis daraus. Das Mädel geht morgens um 6 Uhr ungeniert aus dem Block nach Hause. Es widert einen an, wenn dann der Kerl morgens auf die Stube kommt und die Hand gibt, mit der er das Mädel begratscht hat. Ach, ein bischen reine und gute Luft täte so gut. Wenn ich dann an Dich und die Kinder denke, ist es mir wie ein Märchen, dass es so etwas in dieser Welt überhaupt gibt. Wie nach einem verlorenen Paradies sehnt man sich heim aus diesem Schmutz hier. Und je weniger Dienst ist, desto mehr verkommt man natürlich. Wir werden hier immer fauler. Ich müsste unbedingt waschen, kann mich aber gar nicht dazu entschließen. Morgen muss ich aber doch ran. Vielleicht weiche ich heute Nachmittag ein.

9.1.1944 (an die Petzingertanten) … seit 4 Wochen bin ich ganz ohne Post. Wir liegen hier so ungünstig für die Feldpost, zu­mal wir von unserer Kompanie fort sind, dass wir sehr wahr­scheinlich noch lange warten kön­nen, bis endlich mal ein Gruß aus der Hei­mat kommt. Ach, das ist nicht schön, so abgeschnit­ten von allen lieben Menschen zu sein. Ich weiß nicht, wie es meiner Frau und den Kinder geht, ob sie fort nach Mbg sind oder nicht – ich kann gar nicht richtig mehr nach Hause den­ken, wenn keine Nachricht eintrifft. Jeden Tag um 2 Uhr sind wir voller Spannung, ob mit dem Zug auch unsere Post kommt; Sie können sich jedesmal die Enttäuschung vorstellen, wenn wieder nichts dabei ist. Sonst geht es mir sehr gut. Ich habe mich heute morgen am Bahnhof mal gewo­gen: 170 Pfd. mit Mantel - also Sie würden mich kaum wiedererkennen! Wir haben auch eine sehr gute Verpflegung und können bei den Leuten hier al­lerlei bekom­men.

18.1.1944: Ich bin nur froh, dass wir am Freitag höchstwahrscheinlich von hier fort fahren und dann wohl spätestens am Montag bei der Komp. sind, dann bekomme ich doch wieder regelmäßig meine Post und weiss laufend, wie es Dir und den Kindern geht. Wenn alles so auf ein Mal zusammen kommt, kann man in dieser Enge, in der wir leben, wo man seine Sachen immer im Rucksack u. Wäschebeutel zs.halten muss, gar nicht die Briefe auseinanderhalten und es bleibt manche Frage unbeantwortet, weil man vor der Fülle nicht zum Sichten kommt. Aber Du sollst doch als Wichtigstes wissen, dass Dein lb. Adventsbrief mit dem Kirchlein ziemlich pünktlich zum 1. Advent hier war. Ich habe Dir auch bestimmt dafür gedankt, denn ich weiss, wie ich mich über den Brief gefreut hatte. Er ist auch nicht vernichtet und ich schicke ihn und den Weihnachtsbrief wieder zurück, dass Du ihn mir aufheben kannst.

18.1.1944 (an seinen Vater) Mache Dir nur nicht um mich Sorge. Ich hatte es bisher so gut, wie wenig Soldaten es von sich hier im Osten sagen konnten. Gott wird auch weiterhin mich behüten. Diesen Freitag, den 21., verlassen wir dies Land wieder und fahren ostwärts! Wir kommen wieder zur Kom­panie, wo ich dann entweder Hilfsausbilder werde bei den neuen Rekruten – oder einen Offizierslehrgang mitmache. Mir ist es recht, wie es kommt. Ich mache alles mit. Immer wieder sehe ich, wie die Vorgesetzten in jeder Hin­sicht freundlich zu mir sind. So will ich auch keinen enttäuschen und gern alles mitmachen. Ich bin immer dankbar, daß ich trotz allem, was mich be­drückt, wenn ich an Euch, Ruth und die Kinder denke (Flieger und all die Krankheit in Heusweiler), doch ein fröhliches Gemüt habe, das mich nach außen hin lebhaft und lustig erscheinen läßt, wenn mir auch nicht danach zumute ist.

27.1.1944: Ich ärgere mich schon, wenn ich wieder an die Unmenge Post denke, die jetzt bei der Komp. für mich liegt. Stünde nicht der stramme Dienst in Aussicht, wo ich als Ausbilder mitmachen muss, dann würde ich mich auf Kresti sogar freuen. Aber wir sind hier zu verwöhnt; das ist nicht gut.

31.1.1944: Jetzt geht es also los. Vielleicht kann ich Dir von Dünaburg noch mal schreiben. Wir haben die Waggons voll geladen und haben die Nacht schon nicht mehr in der Kaserne, sondern hier im Waggon geschlafen. Ich war gestern zum Abschied noch mal bei Gabrenas. Sie waren sehr lieb und ich durfte sogar noch mal ein heißes Bad nehmen. Dies nur, damit Du Bescheid weißt. Vielleicht wird es in Kr. mit dem Schreiben nicht so viel, je nach Dienst.

1.2.1944: In Dünaburg, morgens um 10 Uhr fange ich Deinen Geburtstagsbrief an. Wir sind gestern abend um 10 Uhr mit 7 Stunden Verspätung in Kupiskis abgefahren. Schließlich waren wir doch froh, als es losging. Ich hatte um 10 Uhr schon geschlafen. Wir sind 19 Mann im Waggon und können uns kaum bewegen. Ein kleines Öfchen macht den Raum notdürftig warm, lässt aber die kalten Füße nicht warm werden. Gewaschen haben wir uns noch nicht. Der Winter hat hier wieder neu eingesetzt. Es schneit tüchtig und ist wieder viel kälter. Vier Mann sitzen im Licht der offenen Wagentür und spielen Doppelkopp, ein Kartenspiel. Ich sitze auf meinem Strohsack auf der Erde und schreibe auf den Knien, daher kann ich nur mit Bleistift schreiben.

4.2.1944: Als ich heute abend unerwarteterweise – stündlich ändern sich die Parolen, was aus uns wird – doch noch nach dem vorgesehenen Ort zur Komp kam, fand ich wieder 3 Briefe von Dir. …..Ich kann leider jetzt nicht näher auf alles eingehen. Du müsstest nur sehen, wie es hier zugeht. Wir kommen alle nach vorn! Aber sorg Dich nicht, Liebes. Ich glaube, ich habe doch noch wieder Glück. Mehr darf ich jetzt nicht schreiben. Nur: ade Hilfsausbilder – damit ist es jetzt nichts. Es wird wohl etwas ernster jetzt, aber Gott ist mit uns, er wird auch weiterhin alles wohl machen. Hab keine Angst, ich bin auch ganz ruhig.

9.2.1944: Es ist so plötzlich alles ganz anders gekommen. Wir liegen weitab aller Kultur in Russland in Privatquartieren – 20 Mann in einem Zimmer. Die meisten Häuser sind leer oder ganz abgebrannt. Hier ist es noch ziemlich kalt. Wir marschierten gestern über den Peipussee in Estland. Ich bin beim Tross und helfe dem Waffenuffz bei Munitionspflege und –ausgabe. Also eine recht günstige Stellung im Ernstfall. Es ist aber schön, wieder bei der Truppe zu sein, wo man jeden kennt. Wir sind wie eine große Familie. Ich bin doch froh, dass ich jetzt nicht R.O.B. bin, sondern etwas vom Krieg kennen lernen darf.

11.2.1944: Nur ein kurzes Lebenszeichen für Dich. Es geht mir gut; Du brauchst Dich nicht zu sorgen. Aber es gibt viel zu tun und wenig Schlaf. Trotzdem bin ich munter. Die Eltern in Marburg wissen, falls sie meinen Brief haben, wo ich stecke. Aber es ist kein fester Standort, sondern geht immer hin und her. Ein Kamerad Paul Maas aus der Illingerstr. bittet einen Gruß an Küster Krieger und Ella Maas auf der Mass zu bestellen. Er hat die gleiche Nr. wie ich, kommt aber nicht zum Schreiben. Also sorg Dich nicht und denk an mich.

14.2.1944: Wieder schnell ein Lebenszeichen bevor die Arbeit beginnt und derer ist arg viel. Die Nacht bin ich erst um 4 Uhr ins Bett gekommen. Aber ich bin froh, dass ich diese Stelle habe. Ich bin einem Uffz. als Munitionsgehilfe zugeteilt. Dadurch gehöre ich zum Tross. Was das bedeutet – kannst Du Dir kaum vorstellen. Jetzt ist es richtig Krieg – wie wir ihn nur aus der Zeitung u. Radio gekannt haben – und ich bin so froh, dabei sein zu dürfen. Es ist wunderbar, wie Gott mir Ruhe und Trost gibt. Gestern habe ich 2 Kameraden beerdigen müssen. Ich kannte sie nicht, und doch ist es etwas eigenes. Wir haben nicht viel Tote, aber eine ganze Reihe Verwundete – immer noch ein großes Glück. Der Russe hat bedeutend mehr Verluste. Mache Dir nun aber keine Sorge, Liebes. Ich würde ja gern öfters schreiben, aber es muss immer gearbeitet werden, dass vorn die Munition nicht ausgeht. Ich grüße Dich und die Kinder aus weiter weiter Ferne – und bin doch so nah bei Dir wie selten. Deine Gebete umgeben mich und schützen mich.

15.2.1944: Es macht mir so viel Kummer, dass ich Dir gar nicht schreiben kann. Aber wenn Du unser jetziges Leben sehen könntest, würdest Du alles verstehen. Meine Karten können nur „Lebenszeichen“ sein, nicht mehr – ohne Inhalt, ohne nähere Beschreibung. Du sollst nur wissen, dass es mir gesundheitlich gut geht und dass ich an einem verhältnismäßig sicheren Posten stehe. Wann dieser Zustand sich ändert, ob er besser oder schlechter wird, kann ich nicht sagen. Wir sind z.Zt. „wanderndes Volk“, ohne festen Sitz und ohne gewisses Ziel. Ob meine Post überhaupt hier fort geht, weiss ich auch nicht. Mache Dir nur keine Sorgen, wenn mal 8 oder mehr Tage keine Post kommt. Es ist einfach nicht möglich. Ach, ich denke so viel an Dich, und hätte Dir so viel zu sagen. Dieses Schweigen müssen ist nicht schön. Es ist Krieg.

Buxa: In den frühen Morgenstunden des 15.2. war das Regiment (Grenadier Regiment 2)während des Marsches auf der Uferstraße an dem schmalen Wasserstreifen zwischen Peipus – und Pleskauer-See auf stärkere Feindverbände gestoßen, die über die vorgelagerte Insel Pürisaari in die Sumpfniederungen des Westufers vorgedrungen waren und im Begriff standen, sich hier festzusetzen. Trotz aller erlittenen Strapazen griff das Regiment mit seinen ausgezehrten Kompanien sofort an und vernichtete den Gegner hier wie auch weiter nördlich an einer andern Einbruchsstelle. Mit besonderem Erfolg stürmte das Jägerbataillon unter Hauptmann Berger über das eis die Insel Pürisaari und befreite somit den estnischen Küstenstreifen vom Feinde, was auf die estnischen Sicherungsverbände und die Bevölkerung vertrauenstärkend wirkte. Am 18.2. wurde feindliche Aufklärung gegen die gesprengte Eisrinne vor dem I./44 abgewiesen. Trotz tiefen Schnees und gefrorener Sumpfufer wurde sofort wieder mit dem Stellungbau begonnen, aus Zelten und Schilf wurden Unterkünfte errichtet.

19.2.1944: Du kannst Dir ja gar nicht vorstellen, wie alles gekommen ist, seit wir von Kupiskis fort sind. Als wir von dort zur Komp. kamen, war schon alles dort zum Abmarsch fertig. Aber niemand wusste, wohin. Wir wurden auf hoch geladene L.K.W.s gesetzt und dann ginhg es 2 Tage und 2 Nächte bei ekliger Kälte über Ostrow, Petswi hier nach Estland an den Peipussee. Ich hatte das Glück, zum Tross zu kommen als Gehilfe des Munitionsuffzs, da die andern Kameraden alle schon ihren festen Platz für den Einsatz hatten. An der schmalsten Stelle des Sees gingen wir übers Eis nach Russland. Ahnungslos marschierten wir km um km, bis wir auf einmal mittags um 3 Uhr Feuer von vorn, rechts und links erhielten und damit auch schon die 1. Verluste hatten. Wir gingen gleich in Stellung und erwiderten das Feuer. Es war trotz allem Erregenden ein großer Augenblick und ich musste immer denken: nun darfst Du doch noch erleben, was Krieg ist. Gegen Abend zogen wir uns 20 km zurück. Wir waren dem Gegner nicht gewachsen. Am andern Tag kam Verstärkung durch Flak und schwere Waffen; aber wir mussten trotzdem auf die andere Seite des Sees nach Estland zurück, da unsere Komp. ziemlich viel Ausfälle an Toten und Verwundeten hatte. Dann kam vorgestern der Befehl zum Rückmarsch; seitdem marschieren wir in langer Kolonne nach Süden. Nachts sind wir bei den Bauern Estlands im Quartier, wo wir nicht schlecht leben. Ich bin als Begleitschutz einem Fuhrwerk zugeteilt, hinter dem ich herzulaufen habe und Acht haben muss, dass nichts vom Gepäck verloren geht. Wie es heisst, sollen wir aus der Front herausgezogen werden und wieder Ausbildungsregimenter werden, d.h. nur ein bestimmter Teil, alles andere wird abgestellt. Heute kamen 26 Mann wieder an den See zurück; sie gingen schweren Herzens, denn man hört bis hierhin Tag und Nacht Kanonendonner. Es müssen heiße Kämpfe im Gange sein und wir sind froh, fort zu kommen. Heute sind wir hier in einem estländischen Dörfchen einquartiert. Das Häuschen, in dem wir zu 8 Mann liegen, hat nur 1 Küche und 1 Zimmer, ist aber nur von einer alten Frau bewohnt, die uns heute morgen herrlichen Speck briet. Ich konnte mich seit einer Woche mal wieder rasieren! Ein Russe unterschied sich in nichts von mir. Mit dem Waschen ist es auch solch eine Sache. Man hat immer Wache und kommt nicht zu einer freien Stunde. Die Läuse plagen uns sehr. Ich bin schon überall ganz zerkratzt. Ich denke nur, wie gut, dass das Dein Rütherchen nicht sieht. Heute will ich mich mal entlausen. Walter Stauch fing gestern 50 Stück in seiner Wäsche. – Morgen haben wir nur noch ein paar km zu marschieren, dann werden wir in Waggons verladen und es geht unserm Bestimmungsort zu. Nun bin ich nur gepannt, ob ich von der Truppe auch noch abgestellt werde oder dabei bleibe und evtl. doch noch Hilfsausbilder werde. Wie es aber auch kommen mag, ich stelle alles in Gottes Hand; bisher habe ich es immer noch erlebt, wie er alles wohlgemacht hat. Wie gnädig hat er mich doch behütet. Mit Uffz König, meinem jetzigen Vorgesetzten, verstehe ich mich sehr gut. Er ist ein feiner, gebildeter Mensch. Was er von Beruf ist, habe ich noch nicht heraus. Jedenfalls hat er mindestens das Einjährige. Er weiss in der Sternenkunde gut Bescheid und hat mit mir schon manches Mal über theol. Dinge gesprochen. Er ist im Dienst sehr genau und verlangt allerlei, aber außer Dienst ist er sehr, sehr nett. Ich würde gern bei ihm als Munitions- und Waffengehilfe bleiben. Aber wir wollen die kommende Zeit dem Herrn befehlen. Es wird alles noch gut. – Würd’ ich mich nicht so arg nach Euch sehnen. Gestern dachte ich immer und immer an Deinen Geburtstag. Ach, Du mein Einziges, wann darf ich Dich mal wieder lieb halten. Post habe ich seit Ende Januar keine. Ich weiss immer noch nicht, ob Vater noch lebt. Diese Ungewissheit um liebste Menschen ist grässlich.

20.2.1944: Nun ist alles wieder anders; wir sind alle abgestellt von unsrer Einheit und bekommen in den nächsten Tagen eine neue Feldpostnummer. Was nun wird, weiss niemand. Aber sorg Dich nicht, wenn meine Post zurückkommt. Ich kann Dir leider nichts Genaues schreiben. Wir sind wieder auf dem Marsch in Estland. Hier bleiben wir voraussichtlich auch noch einige Zeit. Aber nun wird es lange dauern, bis ich von Dir Post bekomme! Ich armes Männi! Gerade liegen wir in Rapina, wo wir ein paar Stunden Ruhe haben. Das Ziel ist unbekannt. Wir wandern wie die Zigeuner jeden Tag an einen andern Ort.

Buxa: Am 20. 2. traf größerer Ersatz des Jahrgangs 1925 ein, in Frankreich ausgebildet und noch ohne jede Fronterfahrung. Die Kompanien wurden wieder zusammengestellt und die Regimenter erhielten ihre alte Gliederung. Auch Waffen und Kampfmittel wurden geliefert. Besonders freudig wurde der erste Transport von Genesenen begrüßt, mit dem bewährte Kampfgefährten aus dem beginn der letzten Winterschlacht zurückkehrten. Nacheinander konnten die einzelnen Kompanien jetzt wieder zur Auffrischung und Ausbildung zurückgenommen werden.

22.2.1944: Es ist eigen, dass man beim Militär tatsächlich nicht weiss, was der nächste Tag bringt. Nun bin ich seit 2 Tagen von der alten Einheit abgestellt und zu einer neuen Feldeinheit weiter nördlich am Peipussee gekommen. Es galt wieder km um km auf der Landstraße zu marschieren. Wir waren’s arg leid und die Füße wollten manchmal nicht mehr. Aber wir haben’s doch geschafft. Jetzt sind wir bei einer Truppe, die schon von Anfang an in Russland ist. Alles alte bewährte Soldaten mit echter Kameradschaft. Der Kasernenton hat nun ein Ende. Das ist ein großes Glück. Die Verpflegung ist die beste, die es für Soldaten überhaupt gibt – sogar Schokolade. Wir liegen zur Zeit in Ruhe und haben es ganz gemütlich. Aber die Erfahrung hat uns gelehrt, dass solche Zustände nicht lange anhalten. Jedenfalls haben wir jetzt etwas Gelegenheit zum Schreiben. Die neue Feldpostnr. 16650 D ist das Wesentlichste.

Bei der neuen Einheit hier – ich bin übrigens kein Grenadier mehr, sondern ein „Jäger“ (wir sind in einer alten Jägerdivision, aber es ist kein Unterschied außer dem Namen) sollen die Postverhältnisse etwas besser sein.

27.2.1944: Von einer Insel im Peipussee kommen heute meine Grüße. Wir haben hier den Iwan übers Eis verjagt – o, wie ist er gelaufen! Und wie haben wir mit unseren M.G.s und mit der Flak hineingehalten! Nun sitzen wir mit einem Regiment auf der Insel als die Herren und halten Wacht. Unsere Gruppe zu 7 Mann sammelt sich am Tag um ein Lagerfeuer, um das wir hohe Heuhaufen als Schutz gegen den Wind gebaut haben. Nachts liegen wir immer zu 2 Mann in unsern Stellungen am See; das sind 4eckige Mulden im Schnee, darin Heu, mit dem wir uns etwas vor der Kälte schützen. Wir dürfen nicht schlafen, sondern müssen auf das Eis schauen, ob Iwan uns vielleicht überraschen will. Ich sitze gerade am Heuhaufen in der Sonne. Tags ist es schön warm. Wir bekamen heute herrliche Schokolade, Bonbons; die Verpflegung ist wirklich gut und echte, gute Kameradschaft. Hier ist es besser als beim alten Haufen. Wenn Du im Radio von der 11. Division am Peipussee hörst, das sind wir. Achte bitte bei Tante Frida drauf. Wir sind die letzten Tage öfters genannt.

Buxa: Am 1. März erließ Generaloberst Lindemann einen Armee-Tagesbefehl: „… nun haben wir die Linie erreicht, in der wir uns in vorbereiteter Stellung zu entscheidender Verteidigung einrichten. Kein Schritt zurück ist nunmehr unsere Losung. Der Feind wird versuchen, unsere Linie im ersten Ansturm zu überrennen. Ich verlange von Euch die letzte Pflichterfüllung. Wo es befohlen wird, graben wir uns ein und bauen die Stellung aus. Unsere Front ist auf die Hälfte verkürzt, große Teile sind durch Seen geschützt. So muß es gelingen. Ersatz wird eure Reihen auffüllen, Nachschub die Waffenausstattung ergänzen. Soldaten der Armee! Die Augen der Heimat sind auf Euch gerichtet, sie vertraut auf Euren Schirm und Schutz. Wir stehen im Vorfeld der Heimat. Jeder Schritt zurück trüge den Krieg zur Luft und zur See nach Deutschland …“

2.3.1944: Aber zur Zeit ist alles in Ordnung. Wir halten die Insel Pirissar im Peipussee; Du kannst sie auf der Karte gut finden: dort, wo der See nach unten schmal zuläuft. Der Russe hat keinen Versuch mehr gemacht, die Insel zurückzuerobern.

Wenn jetzt das Eis aufbricht, wird die Verbindung zum Festland für eine Zeit unterbrochen sein. Dann kann evtl. lange nicht von hier fort. Wir haben schon Verpflegung in Mengen hier für diesen Fall. Es kann natürlich auch sein, dass wir noch vorher von hier fort kommen. Das ist alles nicht sicher. Jedenfalls sind wir vorläufig hier und befestigen die Insel. Iwan wird so ohne weiteres nicht herkommen können; nur seine Flugzeuge könnten uns erreichen….

3.3.1944 (an die Schwiegereltern):Wir sind immer noch mit einem Regiment der 11. Division auf der Insel Piriwar im Peipussee eingesetzt. Wir haben uns auf einige Zeit einge­richtet - tags schwer gearbeitet, nachts Wache ge­standen. Man muß sich mit aller Gewalt zwingen, wach zu bleiben. Diese Nacht kann ich z.B. von abends 6 bis morgens 6 Uhr nur zwei Stunden schlafen. Da muß man sich Beschäftigung und Ablenkung suchen. Der Russe hat seit dem Tag, wo wir ihn von hier vertrieben, nur einen Spähtrupp zur Insel gemacht und dabei von 5 Leuten 3 erschossen, 1 verwundet und gefangen genommen; nur einer kam wieder zu uns zurück. Sonst war alles ruhig. Gestern kam ein russischer Flieger über die Insel im Tiefflug. Wir bauten gerade an unserm Zelt. Wahrscheinlich machte er Aufnahmen von unsern Stellungen. Er beschoß uns auch mit M.G. Die Flieger sind über­haupt unsere einzige Sorge hier. Wenn jetzt das Eis taut, können wir mit un­sern Schlitten und Wagen nicht mehr zum Festland (zu diesem Zweck ist schon eine große Menge kalte Verpflegung hier aufgespei­chert); dann kann auch der Russe nicht herankommen, aber seine Flieger haben immer die Möglichkeit zu uns zu kommen…

5.3.1944: Nun sind wir wieder fort von der Insel und marschieren – Ziel unbekannt. Diese Nacht konnten wir mal warm und ohne Wache schlafen. Wie dankbar wird man für solche Dinge, die sonst so selbstverständlich waren. In den Wochentagen finden wir uns nicht mehr zurecht, das erschwert so das Denken an die Heimat. Ich schickte gestern meine silberne Uhr zurück. Die Feder ist kaputt. Ob sie wohl ankommt? Man wird in diesen Dingen so gleichgültig. Jeder wirft alles weg, was man irgend entbehren kann. Sonst lässt sich nicht marschieren.

Buxa:

12.3.1944 (an die Schwiegereltern): Ich bin in Deutschland! Welch ein Gefühl des Dankes erfüllt einen, wenn man vor ein paar Tagen noch vor Narwa lag und dort die Hölle kennen lernte. Gott hat alles, alles wohlgemacht. Mein rechter Fuß ist erfroren.

13.3.1944: Meine gestrige Karte aus dem Lazarettzug aus Insterburg wirst Du haben. Diese Nacht um 1 Uhr kamen wir hier in Lötzen an, wurden entlaust und durften dann gebadet, mit frischer Wäsche in ein sauberes Bett. So fest und gut habe ich lange nicht mehr geschlafen! Tut das gut! Wir liegen zu etwa 60 Mann auf einem hellen großen Saal, „Kammer“ genannt;

Ich will meinen Bericht noch einmal bei der Insel Pirisar im Peipussee beginnen lassen. Daten kann ich keine angeben. Jeder Tag dünkte mir eine Ewigkeit.

Wir hatten gerade unser Finnenzelt fertig – es war viel Arbeit – ein Kamerad hatte gerade das Schweinefleisch für den Mittag in den Topf getan, da hieß es: in 10 Minuten alles fertig zum Aufbruch. Wir mussten unsere Sachen packen, alles andere blieb, und los ging es, erst 3 km quer durch die Insel, dann 4 km übers Eis bei tollem Wind und Schneetreiben. Dazu hatten wir einen Schlitten mit allerlei Sachen zu ziehen. Es war nicht einfach. Da spürte ich auch zum 1. Mal meinen rechten Fuß; ich glaubte aber, es sei nur eine Blase. Als wir gegen Abend das Gehöft erreichten, wo wir übernachten sollten, konnten wir kaum noch einen Schritt tun; so müde waren wir. Andern Tages hieß es dann, wir kommen nach Narwa. Na, nach allem, was wir aus der Ecke schon gehört hatten, war uns nicht ganz rosig ums Herz. Aber es gehörte zur Tradition der 11. Div., überall da eingesetzt zu werden, wo es hoch hergeht. In 3 Tagen waren wir nach Märschen, die ich nicht so schnell vergessen werde und wo mich immer nur das „dennoch“ aufrecht gehalten hat, in den schier endlosen Urwald gelangt, wo die Front mitten durch ging. Der Pulverschnee reichte bis an die Knie und erschwerte das Vorwärtskommen. Ich dachte oft, es ginge einfach nicht mehr weiter, und habe Gott anklagend gefragt: warum er mir so etwas auferlegt. Endlich waren wir auf den Feind gestoßen – mitten im dichten Wald. Von rechts und von links u. vorne schoss es. Wir gingen zum Angriff über. Natürlich war es für uns, die wir das Gelände nicht kannten, unmöglich, den Iwan aus seinen verborgenen Stellungen herauszutreiben. Zudem hatte er alle möglichen schweren Waffen, mit denen er uns begrüßte, während wir nur leichte Waffen hatten. Es war ein verzweifeltes Kämpfen und wir hatten viel Verluste. Mich quälte täglich mehr mein rechter Fuß. 2x war ich zum Arzt; er konnte aber vor lauter Arbeit meinen Fuß nicht nachsehen. Ich hinkte herum wie ein lahmes Huhn und dachte mit Schrecken, wie ich aus der Hölle herauskommen sollte. Wenn ich auf der Erde lag, spürte ich nichts, aber wenn ich aufstand, kam ich nicht mehr vorwärts. Endlich am 3. Tag sah der Arzt meinen Fuß nach, stellte „Geschwüre“ fest und schickte mich zum Verbandsplatz. Das war ein Weg von 3 km, der z.T. vom Feind eingesehen war und heftig beschossen wurde. Ich ging mit einem Kameraden an 2 Stöcken. Die Granaten beachteten wir nicht – nur weiter zum Ziel. Wir kamen auch gut durch und waren froh, als wir endlich zum Liegen kamen. Aber Iwan kannte den Verbandsplatz auch und beschoss ihn mit dicken Brocken, die Splitter flogen durch die dünnen Holzwände und verwundeten 2 Kameraden noch mal. Wir lagen platt auf dem Boden, jeden Augenblick konnte ein Volltreffer alles zunichte machen. Aber Gott hielt seine Hand über uns. Ich konnte inzwischen nicht mehr gehen und musste getragen werden. Es ging dann abwechselnd mit Auto und Schlitten nach Wesensburg/Estland, von dort mit dem Zug nach hier. Wie gut tut die Pflege. Wie dankbar bin ich, dass Gott alles so gefügt hat. Er wird’s auch weiter wohl machen. Möchte jetzt gute Nachricht von Dir kommen. Man hört so viel von Fliegern in Westdeutschland! Ach, möge Gott Euch nur schützen! Schreib mir bald!

Mitte März – Ende Juli: Lazarett, Rehabilitation, Urlaub in Heusweiler(23.04. - 21.05.1944), Ausbildung in Allenstein, Kasernendienst.

22.5.1944: Allenstein. Also nun sitze ich wieder im „Bau“ und da morgen ein Kamerad aus der Eifel in Urlaub fährt, will ich ihm einen Brief an Dich mitgeben; der ist schneller bei Dir. Zunächst: ich kann erst morgen zum Arzt gehen und zwar 8:15. So erfährst Du’s erst im nächsten Brief….. Heute morgen besorgte ich mir Bettwäsche und Drillich. Nach dem Essen ging’s zum Schießen hinaus. Ich schon bei der 1. Übung 9, 10, 11, bei der 2. Übung 8, 9, 11. So waren beide Bedingungen erfüllt. Das Schießen war weit im Wald; ein herrlicher Weg. Man ist durch die Kameraden gleich abgelenkt. Auf der Stube sind noch der größte Teil der bekannten Kameraden. Nach dem Dienstschluss spielte ich etwas Tischtennis mit 2 Kameraden u. 1 Oberfeldwebel.

23.5.1944: Jetzt sind wir also in der Marschkompanie. Es lässt sich nicht aufhalten. Ich ahnte schon so etwas. Ich habe ja in solchen Dingen, wo man der Raffinesse bedarf, um sein Ziel zu erreichen, kein Glück. Der Arzt war nicht unfreundlich, er richtet sich nach den Bestimmungen. ….. Es ist nicht schön, dies Durcheinander, in dem wir augenblicklich leben. Alle meinen aber, es müsse dies Jahr die Entscheidung fallen; man urteilt recht pessimistisch.

24.5.1944: Wir haben von heute 12 Uhr mittags bis morgen Mittag 12 Uhr die Eisenbahnbrücke über die Alle zu bewachen. Es ist immerhin besser als Dienst. Ausserdem war heute Waffenappell u. morgen ist Ausmarsch.

26.5.1944: Um 10 Uhr etwa werde ich auf die Schreibstube gerufen, ich sollte um 11 Uhr zum Btl. Kommandeur kommen. Zunächst überlegte ich. Hast du etwas angestellt! Da ich mir aber keiner Schuld bewusst war, kam mir der Gedanke: Der will vielleicht Pfingsten einen Gottesdienst. Darauf war ich also gerüstet. Nachdem ich im Vorzimmer 1 Stunde gewartet hatte wurde ich hereingerufen. Er begrüßte mich sehr freundlich, fragte, wo ich her sei – ja, er stamme aus Bonn, seine Mutter sei aber aus Köln – wie lange ich im Amt, wie lange Soldat, wie lange an der Front, wo an der Front, warum nicht Offizier. Also alles rein persönliche Dinge. Das ganze Gespräch dauerte etwa 10 Minuten. Zum Schluss sagte er mir: „Ich werde mir Ihren Namen mal notieren.“ Dann wurde ich freundlich entlassen.

31.5.1944: ….Ich fahre heute um 13:15 hier ab und bin abends um 8 Uhr an Ort und Stelle. Morgen wird gleich der Dienst losgehen. Aber ich bin jetzt ruhiger; wenn ich nicht dazu tauge, ist es mir auch gleich. Sie müssen mich nehmen wie ich bin. Großes militärisches Können besitze ich nicht, das weiss ich – es liegt mir auch nicht und wird mir nicht liegen. Es wird alles nur angelernt sein. Ich gebe mir natürlich Mühe; das ist selbstverständlich…. Trotzdem – ich beneide jeden, der zu Hause bleiben und in Civil herumlaufen kann. Ich würde arbeiten, was in meinen Kräften steht, nur daheim müsste ich sein dürfen. – Wann mag uns Gott das schenken? Man meint hier allgemein, dass bald die Entscheidung fallen würde. Aber was dann? Und wie fällt die Entscheidung? Es kann ja nichts Gutes dabei heraus kommen. Die Soldaten haben alle keine Lust mehr. Das 5. Kriegsjahr geht zu Ende. Der Weltkrieg war jetzt schon überstanden. Ach, wenn wir nur gesund bleiben und wieder zusammen kommen dürfen! … Schnell noch meine neue Adresse, die mir eben ein Uffz. sagte, der selbst dort gewesen ist: Soldat von Mering, Schröttersburg/Südostpr. Gren. Ers.u.Ausb.Btl.492 R.O.B. Lehrgang….

2.6.1944: Es ist hier ein Auswahllehrgang; der Dienst ist Rekruten gemäß nur mit dem Unterschied, dass immer einer von uns den Dienst übernehmen muss. Ich war bis jetzt noch nicht als Ausbilder an der Reihe. Der Ausbilder stellt Fragen, arbeitet das Thema praktisch und theoretisch mit seiner Gruppe durch. Dazwischen fragen natürlich auch die Vorgesetzten. – Wir sind 17 Mann in einer gemütlichen Baracke, 3 Uffz, 3 O.Gefr., 8 Gfr., 3 Grenadiere, zu denen ich gehöre. Die Dienstgrade sind mir schon von vornherein überlegen; da sind einige schon von 1939, 40 und 41 Soldat; die andern haben fast alle – bis auf 3 Ausnahmen etwa, schon einen Uffz-Lehrgang mitgemacht. Ich bin dazu noch der zweitälteste – alles das erschwert die Sache…. An die Front komme ich anschließend doch so oder so; und die Offiziersausbildung ist kein Vergnügen; man muss schon passionierter Soldat sein, es muss einem im Blut liegen; denn wenn man Soldat nicht mit Leib und Seele ist, taugt man nicht dazu – noch weniger zum Offizier. Ich spüre deutlich, wie fremd mir das ist und bleiben wird. Ich habe in allem Hemmungen: der Ton, aber auch der Sinn des Militärs liegen mir nicht. Im letzten Lehrgang war auch ein Pfarrer, der ganz glänzend abgeschlossen hat. Er war aus Thüringen – vielleicht bezeichnend! D.C.??

2.8.1944: Ach, könntest Du diese herrliche Fahrt von Libau bis Reval mit dem Schiff miterleben. Es ist schönster Sonnenschein, warmes Wetter, fast windstill. Gestern abend um 7 Uhr bestiegen wir dies Handelsschiff „Steingrund“ und etwa um 8 fuhren wir los. Als ich aus dem Hafen herausfuhr und zum 1. Mal die unendliche See sah, war ich ganz weg. Die Sonne stand schon tief und vergoldete den Anblick. Bis hin zum fernen Horizont sah ich Schiffe aller Art. Leider wurde es gegen Abend schnell kühl, dass wir uns in die „Kombüse“ verkriechen mussten und noch ein Spielchen uns bis 11 Uhr munter hielt. In meiner „Koje“ habe ich glänzend geschlafen. Heute morgen bekamen wir Haferflockensuppe, Brot und Wurst gestellt, brauchten also an unsere Vorräte nicht heran. Etwa um 5 oder 6 Uhr sollen wir heute in Reval sein. Ich könnte noch tagelang dies Leben aushalten.

Ich nehme an, dass die behaglichen Tage mit dieser Schiffahrt zu Ende sein werden – nicht, weil es in Estland gleich gefährlich wird, sondern weil wir dann zur Truppe müssen; die gilt es zu suchen; darüber können noch Tage vergehen. Ich bitte Dich also nochmals, sorg’ dich nicht, wenn Du mallänger ohne Post bist. Ich kann ja die Lage selbst noch nicht übersehen, aber ich glaube wohl, dass der Postverkehr nicht einfach ist, weil er nur durch Flugzeug oder Schiff noch aufrechterhalten wird. Bisher ist ja nur unsere Reise von Allenstein aus wirklich schön gewesen. Es klappte alles so wie wir es uns nicht besser wünschen konnten; möchte das ein gutes Omen für die kommenden 8 Wochen Frontbewährung sein. Ich kann evtl. zum Geburtstag wieder in Deutschland sein. Das wäre ein gutes Geburtstagsgeschenk, gelt?

3.8.1944: Du sollst nur wissen, dass wir unsere Seefahrt gut überstanden haben. Wir liegen im Revaler Hafen und warten auf ein Fuhrwerk, das uns unsere M.G.s von hier transportiert. Die Fahrt verlief ohne jeden Zwischenfall und war sehr, sehr schön. Heute ist es recht stürmisch; vielleicht ist es gut, dass wir den Wind nicht auf hoher See hatten, sonst wäre noch mancher seekrank geworden. Ein Feldwebel musste bei ruhiger See schon spucken. Wir haben eben unser ganzes Gerät noch mal überprüft. Es stimmt alles. Aber wir sind doch froh, wenn wir es gut übergeben haben. Es ist immer eine Verantwortung mit 20 M.G.s und Zubehör in der Welt herumzufahren. Vielleicht kann ich Dir bis Sonntag auch meine Feldpost-Nr. angeben.

Ich habe meine andern Feldpostbriefe schon verpackt, da es in 1 Stunde von Reval abgeht. Unser Schiff nimmt die Post mit zurück. So brauchst Du vielleicht nicht zu lange zu warten, wenn es heil nach Deutschland zurückkehrt. Ich möchte Dich nur ganz ruhig wissen. Unsere Truppe soll nördlich vom Peipussee liegen; ich komme also wieder in bekannte Gegend.

4.8.1944: Wir sind am Ziel! Alles ist gut gelungen. Morgen erfolgt die weitere Einweisung und dann wirst Du hoffentlich auch meine Nr. erfahren können.

9.8.1944: Die erste Nacht an Ort und Stelle habe ich hinter mir. Ich bin mit 2 Mann bei einer M.G.-Bedienung. Wir haben uns, so lange nichts los ist, in die Wache zu teilen; jeder steht 2 Stunden auf und hat dann wieder 4 Stunden frei. So konnte ich ganz schön ausschlafen.

Der Russe hat sich in den letzten Tagen etwas beruhigt. Zum Eingewöhnen ist es mir ganz angenehm. Man kann sich wenigstens erst mal orientieren; das ist doch sehr wesentlich.

10.8.1944: Die 2. Nacht habe ich auch gut überstanden. Der Iwan macht sich abends zwischen 9 und 10 und morgens zwischen 4 + 6 besonders bemerkbar. Unsere Gruppe liegt aber etwas zurück, wir haben keinen Schuss abzufeuern brauchen. Diese Nacht um 2 Uhr wurde plötzlich unser Bataillon abgelöst, Marineeinheiten übernahmen als Infanteristen unsere Stellung und wir sind zum Tross zurück. Wir sollen hier neuen Ersatz bekommen, wo es hingeht, wissen wir noch nicht. Ich glaube aber kaum, dass die 11. Division aus dem Nordabschnitt herauskommt, es gehört mit zu ihrer Tradition, hier oben zu kämpfen. Aber vielleicht bleiben wir noch ein paar Tage hier in Ruhe. Wenn ich es auch noch nicht verdient habe, den Kameraden steht die Ruhe durchaus zu. Wir waren eben gleich am See, um uns gründlich zu säubern, zu schwimmen und zu baden. Als Nackedeis sind wir da herumgelaufen; es ist immer noch gutes Wetter; heute allerdings etwas windig. Gleich um 12 Uhr gibt’s Mittagessen und was dann wird, müssen wir zunächst mal abwarten. Für alle war aber Post da, und ich musste wirklich mit etwas Neid zusehen, wie sie sich alle über ihre Briefe und Karten herstürzten. Wann mag für mich der 1. glückliche Tag dieser Art sein?

11.8.1944: Heute ist auch noch Ruhetag beim Tross. Gestern Abend ist neuer Ersatz gekommen und ich habe jetzt auch eine Gruppe. Das ist mir sehr lieb, weil ich ja Gruppenführer sein muss, damit meine Frontbewährung anerkannt wird. Ich habe so eine größere Verantwortung u. weniger Ruhe, aber in manchen Dingen habe ich auch Erleichterung. Ich habe eine Reservegruppe, bestehend aus 5 Mann, lauter junge Buben, Jahrgang 1926, einer ist anfangs der 30. Mir ist ganz komisch, wenn sie „Sie“ zu mir sagen und ich sagen kann: Geh mal da oder da hin. Ich brauche nun wohl nicht mehr überall hinzu laufen. Hoffentlich halte ich meine Leute zusammen. Wenn man sie etwas kennt, hat man sie auch schon gern. Es ist eben 1 Uhr. Wir haben Mittagessen eben empfangen. Es gab einen großen Fleischklops, Möhrchen und neue Kartoffeln. Sehr gut. Gestern abend wurde Schnaps, Bier und Sekt ausgeteilt. Man tut alles, um die Truppe bei Stimmung zu halten; und es gelingt auf diese Weise auch gut!! Wir saßen beim offenen Feuer und sangen unter Ziehharmonikabegleitung. Voller Gegensätze ist das Soldatenleben.

12.8.1944: Mein liebstes Mütterchen! Weil gleich damit zu rechnen ist, dass die Küche mit dem Mittagessen kommt, will ich ihr einen kleinen Gruß an Dich mitgeben, damit Du weißt, dass wir diese Nacht vom Tross aufgebrochen sind und nun an eine etwas mehr zum Peipussee hin gelegene Stellung gekommen sind. Ich habe mit meiner Gruppe ein sehr kleines, aber für uns Soldaten noch recht erträgliches Holzhäuschen gelegt worden. Als Reservegruppe sind wir zunächst vor allem zum Arbeitsdienst verpflichtet. Ich sehe es wieder als eine barmherzige Fügung unseres Gottes an, dass ich diese Stellung bekommen habe. Wir wissen nun noch nicht, was wir hier für einen Auftrag bekommen. Einige munkeln, wir sollten die Insel im Peipussee stürmen! Stell Dir vor, ich käme an denselben Ort, wo ich im Februar war. Ich wär nicht böse darüber, es war sehr schön schon damals, jetzt im Sommer muss es ja noch schöner dort sein. Aber ich kann’s mir noch nicht denken. Leider ist das schöne Wetter vorbei; kein Regen, aber trüb; ab und zu auch Regenschauer, aber es geht noch. Ich bin zur Zeit mit meiner Lage ganz zufrieden, ich werde allmählich mit allen bekannt. Aber fast alle erkennen mich an meiner Sprache als Pfarrer, ganz komisch. Ich habe schon manches schöne Gespräch gehabt. Gott schütze Dich, mein Lieb. Ich küss Dich innigst Dein Männi

13.8.1944: Es ist wieder kurz vor dem Mittagessen, wo ich Zeit habe, mit Dir zu plaudern, um gleich den Essenbringern die Post mitzugeben. Ich sitze im Sonnenschein vor unserem Bunker. Wir haben die Nacht herrlich geschlafen – von abends 9 Uhr bis 7 Uhr morgens, obwohl wir nur eine Decke auf dem Holzboden liegen hatten und das Lager ziemlich hart war…. Heute morgen haben wir etwas Dienst gemacht, wir bauten Splittergräben. Nun brauche ich als Gruppenführer nicht mehr selbst mit Hand anzulegen – auch ein Vorteil.

(an die Rodenkirchener) Ich sitze im schönsten Sonnenschein vor meinem Bunker. Wir haben uns eben ganz gründlich in einer "Sauna" gewaschen. "Sauna" sind die russi­schen, bzw. estnischen Schwitzhäuser, in denen es einem vor Hitze bald schlecht werden kann. Aber in Ermanglung anderer Badegelegenheit nimmt man auch so was gern in Kauf. -

14.8.1944: Kurz vor dem Aufbruch ins Ungewisse Dir noch schnell einen Gruß, da ich nicht weiss, ob ich heute oder morgen noch zum Schreiben komme.

 

 

Am 21.8.1944 ist Eberhard von Mering beim Dorf Kuté bei Tartu in Estland gefallen.

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