Der Abstieg

Die Schriftsteller, die darüber berichten, ebenso wie die Personen, denen er zustößt, halten den Abstieg für etwas Ungewolltes. Darum gerade wird über seine Gründe gerätselt. Darum wird er für den Moralisten interessant. Darum wird die "Fallhöhe" ein dramatisches Thema.

In den Familien meiner Vorfahren hat es den Abstieg mehrmals gegeben. Freilich, Familien sind keine Fußballmannschaften - die Mitglieder einer Familie steigen meist nicht gemeinsam ab. Genauer müßte man sagen: es hat unter meinen Vorfahren Menschen gegeben, die haben den gesellschaftlichen Standard, in den sie geboren waren, nicht zu halten vermocht. Manchmal geschah das als individuelles Schicksal - die Brüder blieben auf der Höhe des Elternhauses - manchmal geschah das einer ganzen Generation, manchmal scheint es die gesamte Sippe – also mehrere Generationen und auch die verschwägerten Familien – gleichzeitig betroffen zu haben.

Einen solchen Abstieg haben in Eisleben die Schmidts und die Stoßnacks gleichzeitig mit anderen "Rathsverwandten" aus der Honoratiorenschaft der Stadt erlebt. Der Grund ist der Übergang von Eisleben aus dem Besitz der Grafen von Mansfeld an Sachsen gewesen – eine neue Verfassung, eine Verwaltungsreform entmachtete die alten Familien.

Daß eine ganze Generation ihren Lebensstandard verlor, kann man nach dem 1. Weltkrieg feststellen: Die Eberhardts und die von Merings, die Behns und die Lieberts büßen gleichzeitig ihr Vermögen ein. Die Eberhardts, die Behns und die Lieberts verlieren Söhne an der Front.

Um ein individuelles Schicksal aber scheint es sich bei Franz Caspar von Mering zu handeln, dem 1733 geborenen Sohn des Andernacher Zolldirektors Johann Friedrich von Mering. Wie seine Brüder hat er einen hochrangigen Paten, wie sie wird er auf die Kölner Universität geschickt, als junger Mann hat er einen klingenden militärischen Titel. Er wird wie sie bedacht bei der Erbteilung 1754. Aber – sein Leben sieht nach Abstieg aus. Wieso?

Als einziger der drei Söhne des Zolldirektors wohnt er nicht in Andernach. Als einziger geht er nicht in die Verwaltungslaufbahn. Als einziger heiratet er keine adlige Frau. Und sein späterer Titel im Stammbaum: "österreichischer Werbeoffizier" klingt armselig.

Und es klingt wohl nicht nur so. Franz Caspar gehört zu den "glücklosen" Soldaten. Nach Ansicht meiner Großmutter Behn, der Soldatentochter und Soldatenfrau, gab es das: Militärs, die es zu nichts brachten, ohne daß ein besonderes Verschulden festzustellen ist. Sie nannte es "Mangel an Gelegenheit": der Offizier kommt nie in die Lage, sich deutlich sichtbar - und das heißt vor den Augen eines Vorgesetzten – zu bewähren. So bleibt er unbelobigt und damit unbefördert. Nachher ist er zu alt, als daß man noch viel von ihm erwarte - nun gibt es erst recht keine Gelegenheit mehr, sich zu beweisen. So ist er ein ewger Oberleutnant und scheidet früh aus, mit geringer Abfindung oder Pension.

Natürlich gibt es auch Schuld und Versagen. Franz Caspar von Mering könnte sich die Geringschätzung seiner Vorgesetzten verdient haben, durch Mangel an Subordination, durch Leichtsinn, durch Faulheit, durch Trunksucht und Spiel. Immer gibt es auch solche im Regiment, warum nicht in dem seinen, dem 40. Galizischen Infanterie-Regiment der Habsburger Monarchie?

Aus dem Kriegsarchiv in Wien habe ich die Regimentsgeschichte in groben Zügen: 1733 wird das Regiment durch den Obristen Damnitz teilweise auf eigene Kosten aufgestellt. Es müssen aber Land-Rekruten aus den Erblanden hinzugefügt werden, da die Werbung schlecht läuft. An diesen zwei Sätzen lernt man schon viel über das Soldatsein damals: der Obrist ist "interessiert", das heißt, an der Kriegsbeute beteiligt, sonst würde er sein Geld nicht investieren. Und der Soldatenberuf ist nicht angesehen, sonst würde die Werbung laufen. Natürlich brauchte der Kaiser Soldaten. Aber ich habe gelesen, daß die Habsburger Monarchie sie trotzdem immer kurz hielt. Einen "Soldaten-Kaiser" hat es anscheinend nicht gegeben.

1754 wird Carl Graf von Colloredo-Waldsee Regiments-Inhaber. Er ist Generalfeldmarschall und gehört einer bedeutenden Adelsfamilie in Österreich an. Als am 1. 3. 1758 Franz von Mering neu als Unterlieutnant in das Regiment Colloredo aufgenommen wird, ist Oberst Carl Frh. von Stein Regiments-Commandant. Die Friedensgarnison des Regiments ist Mons in Südbelgien, was von Köln nicht so weit ist, und das Regiment steht im Corps Sincère. Claudius Frh. von Sincère ist der Regimentsinhaber des ehemaligen Regiments O'Gilvy. In diesem Regiment hat Franzens Vater, der Zolldirektor Johann Friedrich von Mering "zeitlebens" als Hauptmann fungiert - wenn auch sicher die letzten Jahre seines Lebens nicht mehr aktiv. 1758 ist er zudem schon vier Jahre tot. Vater und Sohn haben gewiß nicht gemeinsam gedient, aber in die Fußstapfen ist der Sohn schon getreten, d.h. man kann annehmen, daß es kein Akt von Rebellion oder Affront gegen die Familie war, wenn Franz Offizier wurde. Die Kaiserin Maria Theresia braucht Soldaten. Der Siebenjährige Krieg ist in vollem Gange.

1758 ist Franz 25 Jahre alt. 1752 ist er als Baccalaureus aus Mainz an die Universität Köln gekommen. Was hat er in den sechs Jahren dazwischen getrieben? Ja, ich suche nach dem Abstieg. Aber so früh zeigt er sich nicht. Als er im April 1761 die Tochter seines jüngeren Bruders Mathias Melchior in Andernach über die Taufe hält, läßt Franz sich gern als "perillustris dominus Franciscus Casparus de Mering, Locumtenens Regiminis Excellentissimi Comitis Coloredo sub servitiis SS. M. Mett. RR." ins Kirchenbuch eintragen. Für einen 28jährigen ist das ein schöner Rang. Immerhin hat sein Regiment inzwischen mehrmals im Feuer gestanden: 1759 im Verbande der Reichsarmee beim Treffen bei Saalfeld und dem Gefecht bei Pretsch gegen Preußen und 1760 im Verbande der österreichischen Hauptarmee unter Marschall Daun bei Torgau. Bei Torgau hat das Regiment sogar große Verluste erlitten. Franz hat den Großen Fritz aus nächster und gefährlicher Nähe erlebt, könnte man sagen. Ob er verwundet wurde? 1761 wird das Regiment jedenfalls geschont, und Franz kann seine Verwandten in Andernach besuchen.

1762 hat "ein Detachement unter Major Baron Kesborn sich bei Einsiedel standhaft gehalten", wie Wrede weiß, und das ganze Regiment kämpft in der Schlacht bei Freiberg mit.

Damit ist der Siebenjährige Krieg für das Regiment Colloredo anscheinend aus. Es rückt 1763 in die Friedensgarnison Leoben ein. Friedrich Frh. Haller von Hallerstein ist nun Kommandant. Drei Jahre später, in der "Musterliste 1765 des Infanterieregiments Nr. 40, Stab, supernumeraire", erscheint "Oberleutnant Franz von Mering, gebürtig aus Andernach am Rhein, 28 Jahre alt (was nicht stimmt, er ist schon 32), katholisch, ledig, dient 8 Jahre (das kommt so ungefähr hin), commandiert auf Werbung im Reich".

Werbung - das klingt nicht gut. Das erinnert an unlautere Praktiken, wo die jungen Leute betrunken gemacht werden, damit sie unterschreiben, ja, sogar vom "Pressen" und vom Entführen ist um die Zeit des Siebenjährigen Krieges in Büchern die Rede. Andererseits war Werbung für einen Offizier ein Kommando wie das zum Angriff auch! Der Soldatenberuf war hart - und ebenso hart waren meistens die Bedingungen, unter denen man es wurde. Arbeitslosigkeit war damals noch kein Begriff. Aber überzählige Jugend gab es reichlich. Das "Handgeld" des Werbeoffiziers war oft das erste Bargeld, das diese armen Burschen überhaupt in die Hand bekamen. Wenn sie nachher bereuten, es genommen zu haben und desertierten - dann entstanden vielleicht erst die Geschichten darüber, wie sehr man sie bei der Werbung hereingelegt hatte.

Daß Franz von Mering zur Werbung im Reich kommandiert wurde, war sicher keine Beförderung - aber es war auch keine Strafe. Was sollte der Rheinländer in Leoben? Seit 1766 hatte das Regiment Colloredo einen "Werbe-Rayon im churrheinischen Kreise". Welcher Rheinländer ginge nicht gern an den Rhein zurück? Und für das Regiment war es auch gut: der Rheinländer kannte die Mentalität der Leute dort. Er würde sicher mehr Erfolg haben als ein Steiermärker. Da trafen sich die Interessen. Wenn etwas an der Sache delikat war, so lag es im Ansehen der kaiserlichen Armee. Das hatte durch den Sieg Preußens gelitten, scheint mir. Wenn Johann Friedrich von Mering, der Vater, stolz darauf war, "zeitlebens" ein "kaiserlicher Hauptmann" gewesen zu sein, so konnte Franz als k. und k. Werbeoffizier nicht mit dem gleichen Nimbus rechnen. Er war der Werber einer geschlagenen Armee.

Wieder drei Jahre später, "mit dem 13. 12. 1768 resigniert" Franz von Mering. Über Erfolg oder Mißerfolg seiner Werbung sagt das nichts, vielleicht aber etwas darüber, daß er keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr sieht und den Job nicht mag. Oder: daß seine Verlobte Elisabeth Kirchner den Job nicht mochte. Ist das der Abstieg? Franz ist jetzt fast 36 Jahre alt. Und seine Liebste erwartet ein Kind. Am 9. Januar 1769 läßt sich das Paar im katholischen Frankfurter Dom vom Dechanten Amos persönlich trauen. Zeugen sind zwei Priester. Ist keiner von den Familien Kirchner oder von Mering anwesend? Mißbilligen sie die Verbindung - oder die Art, wie sie zustande kam? Am 17. Juli schon wird der erste Sohn geboren. Bis 1771 lebt die junge Familie in Frankfurt, seit 1772 in Kastel bei Mainz. Dort erwirbt Franz ein Haus und wird in die Bürgerliste aufgenommen. Bei den Taufen seiner in Kastel geborenen Kinder läßt er seinen militärischen Rang nicht mehr eintragen. Das veranlaßt 1893 das Heroldsamt in Berlin zu der Vermutung, er sei überhaupt nie Soldat gewesen. Als Pate taucht einmal ein Bruder der Frau auf, aber niemals ein Mitglied der Familie von Mering.

Wovon lebt die Familie nach Franzens Abschied vom Militär? Pensionen gab es damals noch nicht. Und Beute war für die Österreicher im Siebenjährigen Krieg kaum abgefallen. Blieb das vom Vater ererbte Vermögen und eventuell die Mitgift der Frau. War Franz also schon damals arm?

Mit seinen 7 Kindern, geboren zwischen 1769 und 1777, geht es nicht gut. Die meisten erreichen kaum das zweite Lebensjahr. Schließlich werden nur zwei erwachsen. Aber das erlebt Franz Caspar nicht mehr. Schon 1779 stirbt er, ob durch einen Unfall, eine jähe Krankheit oder an einem schleichenden Übel, das noch aus den Soldatenjahren stammt - das vermerkt der Pfarrer von Kastel nicht im Kirchenbuch. Die katholischen Einträge sind meistens stereotyp: "omnibus sacramentis tantum munitus" - ob aus Diskretion oder Desinteresse, kann ich nicht sagen. Aber Franz Caspars Ende hat den Priester veranlaßt, mehr als üblich zu schreiben: 1779, October 28: obiit praenobilis Franciscus Casparus de Mering praevia confessione ob accettrationem (accelerationem oder acceptationem?) mortis Sacramentali absolutione et extrema unitione tantum munitus. Was hatte Franz Caspar zu bereuen? War seine "vorausgehende Beichte" Ausdruck seiner Herzensangst vor dem viel zu frühen Tod – oder hatte er Schweres auf dem Gewissen? "Einzig beschirmt von sakramentaler Absolution und letzter Ölung" ist er jedenfalls im katholischen Glauben gestorben.

Ist Franz ein Absteiger? Blieb seine Frau mit der 9jährigen Elisabeth und dem 5jährigen Franz Joseph Caspar in bedrängten Umständen zurück? Verarmte seine Frau durch den frühen Tod des Mannes? Oder kam die Armut erst zusammen mit der französischen Revolution über die Familie? Dahinter steht die Frage: Warum hat sich die kleine Elisabeth so unvorteilhaft verheiratet, und warum hat Franz Joseph Caspar kein Studium, ja keinerlei Ausbildung? Und warum haben sich die Brüder von Franz, die wohlhabenden, gut verheirateten Steueraufseher und Hofräte in Andernach, nicht der verwaisten Kinder angenommen? War Franz ein Außenseiter, ein schwarzes Schaf?

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