Es gibt ein liebes Buch von James Krüss: "Mein Urgroßvater und ich". Ich habe es mit meinem Sohn gelesen, ich sah es neulich bei meinen Enkeltöchtern. Meine Enkeltöchter kennen zwei Urgroßmütter, aber keinen Urgroßvater. Und auch ich habe meine Urgroßväter nie gesehen.

Gelegentlich wird in Gesprächen die Wendung "mein Urgroßvater" gebraucht. Dabei erscheint er als eine besonders bemerkenswerte Person. Daß man vier von ihnen hat, weiß zwar jeder, aber es ist meistens nicht bewußt. Obwohl noch so nah, Großväter der Eltern, sind die Urgroßväter schon so fern. Und untereinander haben zwar oft die Großväter sich noch gekannt, kaum aber die vier Urgroßväter.

Von zweien meiner Urgroßväter besitze ich Fotos: vom Urgroßvater Behn und vom Urgroßvater Eberhardt. Familiengeschichtlich durch Erzählungen greifbar ist außerdem noch Urgroßvater Liebert, der Eisenwarenhändler und Molkereibesitzer in Guhrau/Schlesien. Ganz undeutlich ist mir die Person meines Urgroßvaters Peter Joseph von Mering, "Fabrikant" oder "Figurist" in Köln-Ehrenfeld. Eine Kreidezeichnung in Rot, die mein Großvater von ihm gefertigt haben soll, ist leider verloren gegangen.

Zum Teil hängt die mangelhafte Überlieferung sicher mit einer kurzen Lebenszeit zusammen. Urgroßvater von Mering starb 58jährig 1901, Urgroßvater Liebert ebenfalls 58jährig schon 1897, während Urgroßvater Eberhardt 73 Jahre alt wurde und erst 1928 starb und Urgroßvater Behn sogar seine Goldene Hochzeit feiern konnte, 80 Jahre alt wurde und erst 1932 starb. Dabei merkt man auch gleich, daß meine Großmütter beide jünger waren als ihre Männer und demnach auch ihre Eltern jünger als die Eltern der Großväter. Schon das bewirkt, daß meine Urgroßväter großmütterlicherseits besser überliefert sind als die von Großväterseite.

Ja, die Großmütter! Die eine, wiederum mütterlicherseits, hat so gerne Familiengeschichten erzählt! Ihr geliebter Vater spielte eine große Rolle in diesen Erzählungen. Weniger mit Bewunderung als mit zärtlichem Spott hat sie mir immer wieder seine Eigenheiten, seine Schwächen, seinen Charme geschildert und in Anekdoten aufgeblättert. Und sogar die spärlichen Geschichten über den Großvater ihres Mannes verdanke ich ihrem Erzähltalent. Meine Großmutter väterlicherseits habe ich nicht so gut gekannt, weil sie nicht in unsrer Nähe wohnte, auch war sie schweigsam. Aber sie hat alles über ihren offenbar auch sehr geliebten Vater aufgehoben und mir dadurch vermacht: die Fotos, seine Postkarten, die Belege seiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Ihren Schwiegervater aber hat sie wahrscheinlich gar nicht kennengelernt. Und so kann ich behaupten: Frauen machen die Tradition. In meiner Familie jedenfalls war das so. Und das Nachleben der Urgroßväter liegt in den Händen der Großmütter.

Vom Urgroßvater Behn, vom Urgroßvater Liebert will ich noch erzählen, vom Urgroßvater Eberhardt habe ich schon geschrieben. Den schwach überlieferten Urgroßvater von Mering will ich jetzt bedenken. Ich muß nach Synopsen zu mir suchen.

Da sind zuerst die offiziellen Urkunden: Peter Joseph von Mering wurde als Sohn des Grenzaufsehers Franz Joseph Mehring und der Catharina Haary (richtig: Catherine Henry) am 8. Januar 1843 in Herongen an der Grenze zwischen Preußen und den Niederlanden geboren und am 10. Januar desselben Jahres katholisch getauft. Er ist das 5. lebende Kind in einem armen Beamtenhaushalt.

Der Vater wird irgendwann nach Walbeck versetzt, vielleicht ein wenig befördert. Dort besucht Peter Joseph die Volksschule. 1855 stirbt die Mutter, die Saarlouiserin. Peter ist erst 12 Jahre alt, sein kleinster Bruder Friedrich 10. Dafür ist der älteste, Matthias, schon 26, Heinrich, der zweitälteste, schon 25 Jahre alt. Die beiden haben Schuster und Maurer gelernt und sind längst aus dem Haus. Dafür könnten Karl und Johanna noch zu Hause leben: Karl ist 1855 17 und Johanna 15 Jahre alt.

Der Vater heiratet ein zweites Mal, Johanna Neuferdt, die Magd, die schon 1840 Patin der Tochter Johanna ist. Wahrscheinlich ist sie die Ziehmutter der jüngsten Kinder gewesen. Von ihr hat er keine Kinder mehr. Vor 1859 wird der Vater nach Koblenz versetzt, mit Beförderung zum Steuer-Aufseher. Ob Peter Joseph nur in Koblenz seine Lehre machte, weiß ich nicht. Er lernt Maurer und spezialisiert sich als Stukateur. Nach seinen Lehrherren will ich noch suchen. Sicher muß er auch Militärdienst leisten, drei Jahre.

In Koblenz wohnt die Familie von Vater Mering laut Adreßbuch von 1859 in der Magazinstr. 14. Das entstellende H hat sie wieder abgelegt. Die beiden ältesten Brüder von Peter sind inzwischen verheiratet und haben eigene Adressen: Matthias, der Schumacher, wohnt Altenhof 16, Heinrich, der Figurist, wohnt Balduinstr. 5. Möglich, daß Peter in Heinrichs Betrieb mitarbeitet.

Laut Adreßbuch von 1863 hat sich Heinrich, der Figurist, das "von" wieder zugelegt. In der Balduinstr. 1 wohnt nun auch die Familie Allendorf. Carl Allendorf ist Glaser. Die Figuristenbrüder Mering mögen den Glaser Allendorf auf den Baustellen treffen oder als Nachbarn kennen. Allendorfs sind evangelisch. Das ist etwas besonderes im Rheinland. Die Evangelischen leben in der Diaspora. Sie haben es nicht leicht und dünken sich besser. 1863 ist Philippine Allendorf noch ein Kind von 11 Jahren. Der 20jährige Peter Mering mag sie kennen, aber nicht beachten. Später irgendwann muß sie für ihn wichtig geworden sein.

Laut Adreßbuch von 1873 wohnt der Glaser Allendorf in der Görgenstr. 20. In der Görgenstr. 44 wohnen auch Onkel und Tante von Peter Joseph: das Zwillingspaar Friedrich und Susanna v. Mering. Peter könnte seit Anfang der 70er Jahre immer wieder mal seinen Onkel und seine Tante v. Mering besuchen und dabei "ganz zufällig" bei Allendorfs hereinschauen. Koblenz ist eine kleine Stadt damals. Es gibt eine Menge Klatsch, darf man annehmen. Daß seine behinderte Tante Susanna 1858 einem zwar kerngesunden, aber unehelichen Sohn das Leben geschenkt hat, wird 1873 noch unvergessen sein, auch wenn der 12jährige nicht bei der Mutter aufwächst. Möglich, daß Vater Allendorf die Besuche des jungen Figuristen Mering bei seiner Tochter ungern sieht. Der Vater von Peter kann nichts mehr dazu sagen, er ist am 5. Oktober 1869 am Nervenfieber, d.h. am Typhus, gestorben.

Niemand, der mir etwas Genaues über diese Koblenzer Liebesgeschichte erzählt! Peter und Philippine, er katholisch, sie evangelisch erzogen, beide im Milieu der Bauhandwerker zu Hause, er mit dem heimlichen Adel, sie mit dem heimlichen wahren Glauben - wie haben sie sich getroffen, verabredet, verlobt? Jedenfalls wird das Aufgebot eilig bestellt, Philippines Vater geht es sehr schlecht, doch stirbt der Glaser Allendorf, erst 60 Jahre alt, am 16. Dezember 1873.

Am 23. Dezember 1873 findet die "stille" Hochzeit von Peter von Mehring und Philippine Allendorf in der evangelischen Kirche Pfaffendorf "über Koblenz" nach evangelischem Ritus statt. Trauzeugen sind Philippines Mutter und ihr einziger Bruder, Christian Allendorf. Ob die Merings aus Ärger fernblieben oder aus Gleichgültigkeit oder weil sie bei dem strengen evangelischen Pfarrer als Trauzeugen keine Chance hatten, weiß ich nicht. Philippines Mutter lebte bis zu ihrem Tod 1876 im Haushalt des jungen Paares.

Von dieser Eheschließung 1873 an sind wir evangelisch. Denn alle Kinder von Peter und Philippine wurden auch evangelisch getauft: mein Großvater Karl noch in Koblenz am 15. Oktober 1874, meine Großtante Grete 1876 in Bonn und die letzten drei Söhne in Köln-Ehrenfeld: 1877 Clemens und dann, mit großem Abstand von den ersten drei Kindern, 1890 Theodor und 1893 Wilhelm.

1891 hatte der selbstbewußte Heinrich Mering in Koblenz ein "Immediat-Gesuch" an den König von Preußen und Deutschen Kaiser gerichtet, worin er um das Recht, sich wieder "von Mering" nennen zu dürfen, einkam. Als 1892 darüber vom Königlichen Heroldsamt positiv entschieden wird, schließt sich Peter Joseph mit der gleichen Bitte an. Auch er bekommt ein "Adelsattest" aus Berlin. Seit 1893 ist die durch die französische Revolution ausgelöste Verbürgerlichung wieder aufgehoben. Und wir haben, trotz aller Demokratisierung, einen anerkannt schönen Namen.

Peter und Philippine von Mering wurden nicht wohlhabend wie Heinrich von Mering in Koblenz. Sei es, daß der Bauboom, der den Figuristen Heinrich hochhob, schon vorbei war, als Peter selbständig wurde, sei es, daß Peter nicht so tüchtig war wie der große Bruder, sei es, daß Heinrich in seinen zwei Ehen mehr Kapital erheiratete, als der Schwiegervater Allendorf zur Mitgift geben konnte. Aber sie hatten ihr Auskommen. In Ehrenfeld, das 1877 noch selbständig war und sich schnell entwickelte, gab es Arbeit und Brot für den Figuristen. Nach Aussagen seines Sohnes Karl fertigte er nach Vorlagen aus Antike und kirchlicher Kunst Schmuckelemente und Figuren, die der Kunde auswählte und die dann vervielfältigt wurden. Demnach nannte er sich "Fabrikant", auch wenn er in seiner Fabrik meist allein arbeitete. Später beschäftigte er seinen Sohn Karl. Die Adressen in Ehrenfeld wechseln. Ein eigenes Haus scheint er nicht besessen zu haben.

Großen Schmerz fügen die Jahre 1895 und 1897 den Eltern zu. 1895 stirbt der 3jährige Sohn Theodor an Krupp. 1897 stirbt der 17jährige Clemens an Blinddarmentzündung. Die Fotos, die ich von meiner Urgroßmutter Philippine von Mering kenne, zeigen ihren tragischen Gesichtsausdruck. Vielleicht hat sie sich von diesen Verlusten nicht erholt. Und Peter Joseph? Ich kenne sein Gesicht nicht.

Der heiße Wunsch meines Großvaters, Bildhauer zu werden, hat wahrscheinlich auch Leid über die Eltern gebracht. Eigentlich hätte der Vater den Ältesten dringend in der Fabrik gebraucht. Aber der wollte fort, mehr lernen, als der Vater ihm beibringen konnte. Er setzte wenigstens durch, daß er auf eine gewisse Zeit nach Düsseldorf in eine Keramikfabrik gehen durfte. Dann kam er zurück, vielleicht voll von Reformideen. Da war der Vater schon krank. Am 10. Februar 1901 starb mein Urgroßvater Peter Joseph von Mering. Er wurde von der evangelischen Gemeinde beerdigt. Er war nie übergetreten zur Konfession seiner Frau. Aber "er hielt sich dazu". Was mag das heißen?

In Ehrenfeld standen 700 Evangelische 7000 Katholiken gegenüber. Lange Jahre hatten sie nur profane Räume für ihre Versammlungen nutzen können. Seit 1872 hatten sie für ein Kirchengebäude gesammelt und gespart. Im Jahr 1877, als die Merings aus Bonn nach Ehrenfeld kamen, war endlich die Evangelische Kirche eingeweiht worden. Sie war noch nicht fertig. Der Kirchbauverein sammelte immer noch Spenden. Ein Turm sollte gebaut werden. Zwei Glocken sollte er tragen. Die Gemeinde war rege, tätig, in Aufbaustimmung. Es gab auch Streit.

Ob Peter die Gottesdienste besuchte? Wohl kaum, aber vielleicht sang er im Kirchenchor? Alle Merings, die ich kenne, singen gern. Vielleicht half er als gelernter Maurer beim Bauen mit Rat und Tat. Vielleicht nahm er mit Philippine an der Geselligkeit teil. Zumindest hinderte er sie und seine Kinder nicht, daran teilzunehmen. So kommt es, daß man diesen Katholiken evangelisch zu Grabe trug.

Nun habe ich manches über meinen Urgroßvater von Mering zusammengetragen. Aber insgesamt ist es doch wenig. Ich vermisse die Geschichte, die ihn kennzeichnet. Ich will sie nicht erfinden! So muß er undeutlich bleiben, ein Schatten an der Wand.