Unter Exulanten

Im ältesten evangelischen Kirchenbuch von Kobylin, das 1652 beginnt, ist von Windmühlen noch gar nicht die Rede. Freilich - es ist auch sehr schwer zu lesen. Das Buch hat vielleicht einmal im Wasser gelegen, die Tinte war nicht von bester Qualität und es scheint, als seien die Einträge oft in Eile gemacht worden. Das ist auch kein Wunder. Der 30jährige Krieg ist eben erst vorbei, der Frieden setzt sich erst langsam durch, noch sind viele nun arbeitslose Söldner unterwegs, Kobylin wird eine arme kleine Stadt sein. Die Getrauten zeigen wenig Zusammenhang, sie kommen überwiegend einzeln von auswärts. Auf mich wirkt es wie ein Flüchtlingscamp. Und das war es ja vielleicht auch. Diese evangelischen deutschsprachigen Menschen waren nach Kobylin gekommen, weil sie ihre Heimat verlassen hatten. Sie suchten Zuflucht in Großpolen, wohin der Grundherr von Kobylin, Peter Sziminuta von Lachowo, sie eingeladen hatte - mit einer Urkunde vom 6.9.1637, wie Heinrich Wuttke in seinem "Städtebuch des Landes Posen" schreibt. In Kobylin gibt es eine kleine hölzerne Kirche, das "Kripplein Christi" und einen lutherischen Pfarrer. 1654 heißt er mit Nachnamen Hayn. Von den Jahren 1657 - 1660 haben sich nur die Eheschließungen erhalten. Von 1661 an heißt der Pfarrer Christophorus Columbus. Von da an sind Familien erkennbar, Getraute, die dann auch Kinder taufen lassen und Paten sind bei anderen Gemeindegliedern. Die Verstorbenen sind nicht alt. Um nach Kobylin zu kommen, musste man gut gehen können. Und die Hoffnung haben, sich eine Existenz neu aufzubauen. 

Christophorus Columbus, "rein evangelischer" Pfarrer am "Kripplein Christi", schreibt 1665 ins Kirchenbuch: 

  1. ! a. dom. X p.Trin. da wir vor großer Siegeswuth flüchten mußt. Friedrich Türken Leinewebergesell von Engelberg gebürtig, so Gott zuvor durch meine Predigt auß den Bapisthens zu unserer Seeligmachenden Religion gebracht. Mit jungfr. Catharina Loschwitz

Das ist eine Nachricht, die es in sich hat. Es handelt sich um einen Wochentag vor dem 10. Sonntag nach Trinitatis. 2021 ist der 10. nach Trinitatis am 8. August. Je nachdem, wann Ostern war, liegt der Sonntag etwas früher oder später - auf jeden Fall ist Sommer, Erntezeit. Da heiratet Friedrich Türke die Jungfrau Catharina Loschwitz. Aber es ist kein idyllisches sommerliches Fest. Sondern: "da wir vor großer Siegeswuth flüchten mußt". Die Hochzeitsgesellschaft auf der Flucht!

Wer könnte da so siegestrunken gewesen sein? Wikipedia belehrt mich, dass 1665 der polnische Magnat und Feldherr Sebastian Lubomirski eine Rebellion gegen den polnischen König Johann II Kasimir und seine Reformpläne angezettelt hat. Lubomirski war deswegen schon ins habsburgische Schlesien verbannt worden, aber er sammelte ein Heer und zog nach Polen. Bei Tschenstochau besiegte er die königlichen Truppen. Und zog sich dann wieder nach Schlesien zurück. Seine "siegeswütigen" Soldaten haben auf diesem Rückzug offenbar Kobylin überflutet und die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt, so dass sie flohen - vielleicht besonders die Evangelischen, sie hatten wohl am meisten zu fürchten.

Die Hoffnung der Familienforscher ist immer, dass der Heiratseintrag wenigstens die Eltern der Braut angibt - oder wenigstens den Vater. Nichts da in diesen ersten Jahren von Kobylin! In diesen Exulantengemeinden hatten offenbar die wenigsten Papiere bei sich, und offenbar wurden sie auch nicht ausgefragt. Jungfrau Catharina Loschwitz - ob irgendjemand da war, der oder die sie zum Altar führte? Oder war sie eine "unbegleitete Jugendliche", die es nach Kobylin geschafft hatte? Der Name Loschwitz kommt im Kirchenbuch vorher und nachher nicht vor.  Jedenfalls war sie schon evangelisch - im Gegensatz zu ihrem Bräutigam. Der musste erst konvertieren. Es ist wichtig genug, um es in das Kirchenbuch zu schreiben. Friedrich Türke war als katholischer Leinewebergeselle in Kobylin gelandet und durch die Predigt des Pfarrers Columbus "aus den Papisten zu unserer seligmachenden Religion gebracht". Wären nicht beide evangelisch gewesen, hatte Pfarrer Columbus sie gar nicht trauen dürfen. Es gab ja in Kobylin zwei alte katholische Kirchen mit Priestern, sogar ein Kloster. Die hätten auf dem Recht zu trauen bestanden. 

Friedrich Türke war "von Engelberg gebürtig". Pfarrer Columbus nennt sich Regiomontanus, d.h. er ist aus Königsberg in Bayern wie der berühmte Mathematiker. Wenn er "von Engelberg gebürtig" schreibt, so kennt er es vielleicht. Das spräche dann für das Engelberg in Nordböhmen, am Rand des Isergebirges bei Reichenberg, das heute ein Ortsteil von Chrastava ist. Die Deutschsprachigen nennen es Kratzau. Ein Beweis ist das freilich nicht. Aber warum heißt der katholische deutschsprachige Leinewebergeselle aus Böhmen mit Nachnamen Türke? Herr Günter Ofner von Familia Austria, mein Mentor in geschichtlicher Einordnung, muss lachen. Entweder war er das Kind eines osmanischen Soldaten - was eine Abstammung aus jedem Volk des großen osmanischen Reiches bedeuten kann -  oder es ist ein Spottname gewesen, der zum Familiennamen wurde. 

Dieser Friedrich Türke wird zu meinem Spitzenahn in Kobylin. Catharina Loschwitz lebt nicht lange, und auch die Tochter aus dieser Verbindung stirbt bald, aber Friedrich bleibt in Kobylin und heiratet am 28. April 1670 ein zweites Mal. Seine Frau heißt Hedwig Pfeiffer, gebürtig aus Adelnau, Witwe des Kürschners George Borkwitz in Kobylin. George Borkwitz ist 60 Jahre alt, als er 1669 stirbt. Hedwig war seine 2. Frau und bleibt mit einem Kleinkind zurück. Es ist klar, dass sie wieder heiraten wird. Ihr Mann war Bürger und Kirchvater, ein geachteter Handwerker mit einem einträglichen Beruf. Dass sie einwilligt, den Leineweber Friedrich Türke zu heiraten, ist für ihn ein großes Glück. Bei der Taufe ihres gemeinsamen Sohnes Friedrich zeigt die Schar der Paten den sozialen Aufstieg. 

1673  Nr. 11: d. 26. Nov. 260 ptr. natus Ren.

  1. Johann Friedrich Türcke b. u. leineweber M. Hedwig Inf. Friedrich Susc. H. Christoph Schwerin b. u. Krahmer, H. Martin Majuncke Kirch Eltester, H. George Ölschleger, Schmidt, H. George Grösche Leinweber, mea uxor, Fr. Anna Schmiedin, Fr. Eva Höchin

Nicht nur Friedrich ist aufgestiegen, die ganze Gemeinde hat sich gefestigt. Die Namen, die hier bei den Paten genannt sind, prägen von nun an das Kirchenbuch. Ob die Taufe des Kindes ein Pfarrer namens Schmied vorgenommen hat, dessen Frau (mea uxor) Patin ist, oder ob der Lehrer das Kirchenbuch führt und Schmied heißt, lässt sich nicht klären. 1688, als der Pfarrer Christophorus Columbus stirbt, ist er seit 28 Jahren Pfarrer am "Kripplein Christi" gewesen. Aber natürlich verreist er manchmal oder ist krank und wird vertreten.

Lücken in diesem Kirchenbuch machen mir schwer zu schaffen. Ich habe den Taufeintrag der Tochter Dorothea Türke nicht gefunden. Ein Mitforscher unseres Windmüllerstammes namens Knöllinger behauptet: Dorothea Türck geb. 20. 4. 1680. Ebenso findet er im Totenbuch: 1684  22. 12. Friedrich Türck gestorben. Ich will unbedingt mir noch die Abschriften der Heimatkreisgemeinschaft Krotoschin beschaffen, um das nachzuprüfen. Was ich aber mit eigenen Augen gelesen habe, ist der Heiratseintrag von Friedrich Türkes Tochter Dorothea.

1712  5) D. 30. August Gottfried Strauß juv. Seiler (von Koeßwig) mit Jgfr. Anna Dorothea, Friedrich Türken, Züchners, filia.

Und deren Tochter Anna Rosina Strauß, Friedrich Türkes Enkeltochter, heiratet dann den Windmüller auf der Stadtmühle Martin Liebert.  

 

 

Friedrich Türke, Leinewebergeselle

Der Liebertstamm, der Namensstamm meiner Mutter väterlicherseits, beginnt in Jutroschin in Großpolen. Dort ist ein Michael Liebert vor 1700 ansässig gewesen, dessen Sohn Martin Liebert der erste Windmüller namens Liebert auf der Stadtmühle Kobylin wurde. Von diesen Lieberts habe ich immer angenommen, dass sie Schlesier waren. Schlesien war schon weitgehend evangelisch geworden nach der Reformation, aber es fiel im Frieden von Münster und Osnabrück an das Haus Habsburg und der Kaiser sah es als seine Pflicht an, Schlesien wieder römisch-katholisch zu machen. Viele Schlesier wurden daraufhin Exulanten - und die meisten von ihnen wandten sich nach Osten. In den Mediatstädten des polnischen Adels in Großpolen gab es schon evangelische Handwerker. Der Adel war am Zuzug ausgebildeter Leute interessiert, er versprach Steuerfreiheit und das Recht auf deutschsprachige evangelische Kirchen und Schulen. 

Unser Vorfahr Michael Liebert war vielleicht in Jutroschin erst kürzlich sesshaft geworden, ein Mann mit Fluchthintergrund. Sein Sohn Martin, geboren um 1700, war dort schon zu Hause und lernte das Windmüllerhandwerk. Um eine eigene Mühle zu bekommen, heiratete er die Witwe eines Müllermeisters Schurtzmann im nahen Kobylin. Diese Frau brachte einige Kinder mit in die Ehe, sie war nicht mehr jung, Martin Liebert hatte von ihr keine eigenen Kinder. Als sie starb, heiratete er ca. 1737 Rosina Strauß, eine ungefähr 22jährige Seilerstochter.

Rosina Strauß war 1715 in Kobylin geboren. Ihr Vater, der Bürger und Seiler Gottfried Strauß, war aus Gurau oder Sulau nach Kobylin gekommen. Ihre Mutter aber war in Kobylin geboren. Sie hieß Dorothea Türke. Und ich kenne ihre Eltern: Ihre Mutter hieß Hedwig Türke, verwitwete Borkwitz, geborene Pfeiffer. Hedwigs Vater Christoph Pfeiffer, ein Seifensieder, war aus Adelnau in Schlesien. Dorotheas Vater aber war kein schlesischer Exulant. Er hieß Johann Friedrich Türke, Bürger und Leineweber. Er war um 1660 als katholischer Leinewebergeselle aus Engelberg nach Kobylin gekommen. 

Engelberg! Bei Wikipedia gibt es zahlreiche Engelbergs. Das bekannteste ist ein touristischer Ort in der Zentralschweiz. Es gibt noch einen Ort Engelberg in der Schweiz, vier Orte, heute Ortsteile, in Deutschland, 2 Orte in Österreich. Diese alle habe ich als geografisch zu weit entfernt ausgeschieden. Das ist natürlich kein Beweis, sondern nur eine Vermutung auf Grund von Plausibiltät. Es gibt aber auch zwei Engelberg an den Sudeten, beide heißen heute Andelska Hora auf Tschechisch. Der eine liegt in Mähren: Andelska Hora ve Sleszku, Stadt im Bezirk Bruntal, Region Moravskoslezsky. Und der andere in Böhmen: Andelska Hora (Chrastava) Bezirk Liberec, Region Liberecky. 

Diese beiden Orte sind im 17. Jahrhundert Bergwerksorte, aber nach dem Erlöschen der Funde werden beide Mittelpunkte der Leinenweberei. Ich schließe daraus, dass dort immer schon Flachs angebaut und verarbeitet wurde. 

Ein Junge namens Friedrich Türke könnte dort um 1640 geboren und als Heranwachsender zum Leinewebergesellen ausgebildet worden sein. Natürlich war er katholisch. 1651 lässt der Kaiser in Böhmen und Mähren "Seelenverzeichnisse" anlegen, quasi einen Census, geordnet nach Wohnplätzen. Sie dienten auch zum Nachweis der Rechtgläubigkeit. Wenn ich die Familie Türke darin fände, wäre das ganz wunderbar. 

Friedrich Türke geht als Geselle auf die Walz. Er geht weit. Die Entfernung von Kratzau, zu dem Engelberg in Böhmen heute gehört, nach Kobylin beträgt ungefähr 230 km. Von Freudental an der Mährischen Pforte nach Kobylin sind es sogar 270 km. Natürlich hat er diese Strecken nicht auf einen Schlag zurückgelegt. Er war auf der Walz. Er hat Rast gemacht in Handwerksbetrieben, um arbeitend zu lernen und Geld zu verdienen. Er hat auch Umwege gemacht. Aber 1665 ist er in Kobylin und heiratet die Jungfrau Catharina Loschwitz. 

Über Catharina weiß ich nichts, als dass sie den jungen Friedrich Türke heiratet, 1666 eine Tochter Dorothea gebiert, die nur kurz lebt, und dass sie dann auch selbst gestorben ist. Ganz sicher war sie evangelisch, stammte also vermutlich aus dem Exulantenvolk. Ihr Bräutigam hingegen, Friedrich Türke, musste erst evangelisch werden. Der Pfarrer Christophoros Columbus schreibt stolz ins Kirchenbuch: "Friedrich Türken....., so Gott zuvor durch meine Predigt auß den Bapisthens zu unserer Seligmachenden Religion gebracht". Gleich darauf fällt der Name der Jungfrau Catharina Loschwitz - unwillkürlich denkt man, dass Friedrich sie nie und nimmer hätte heiraten können, wenn er nicht evangelisch geworden wäre. 

 

 

6. Mering-Symposium in Cottbus

            Am 7. Mai 2021 findet trotz Pandemie das 6. Mering-Symposium für Diabetes-Technologie und Prävention in Cottbus statt. Initiator ist wie immer PD Dr. Rainer U. Pliquett vom Carl-Thiem-Klinikum Cottbus. Er hat es auf meiner Facebook-Seite bekannt gemacht. Das finde ich sehr nett - zwar bin ich eine geborene von Mering und habe die Biographie des Professors Josef von Mering als Familienforscherin geschrieben, aber von der Diabetes-Forschung verstehe ich nichts!

Die Liste der Referenten und Sponsoren beim Mering-Symposium ist imponierend lang. Und der Ort ist illuster: Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus. Hoffentlich klappt alles im Sinne der Organisatoren. Wir alle können in Pandemie-Zeiten nie flexibel genug sein!       

                                                                                                                                                                                                                                  

Die Türken vor Wien 1683

Ahrensburg, den 2.Januar 2021

Mein lieber Sohn,

ob du dabei warst an jenem Abend 1969 in Izmir-Bornova, im Haus der Wildermanns? Dabei waren die Bilgins, der kunstsinnige Architekt Ziya und seine deutsche Frau Henny, dabei waren Klaerens, der deutsche Tabakhändler Harald und seine Frau Marion und noch jemand aus dem Goethe-Institut, glaube ich, jemand türkisches, denn ich erinnere mich an das Gefühl: Was mögen die Türken denken? Und dann könnte doch Ziya nicht der einzige Türke an diesem Abend gewesen sein.

Jedenfalls setzte sich Dr. Wildermann, der eine russische Mutter und ein schäumendes Temperament hatte, nach dem schönen Abendessen ans Klavier und stimmte das Lied vom Prinzen Eugen an – nicht das anonyme Volkslied von der „Brucken dass man konnt hinüberrucken“, sondern das Lied von Ferdinand Freiligrath, vertont von Carl Loewe „Hey, das klang wie Ungewitter weit ins Türkenlager hin.“ Dein lieber Vater sang begeistert mit – ich kannte das Lied gar nicht! Und ich fühlte mich – vielleicht zum erstem Mal -  auf der Schnittstelle zwischen Türken und Deutschen, auf der ich mich bis heute so oft fühle. Das verlorene Osmanische Reich und das verlorene Deutsche Reich – mächtige Gefühle, Erinnerungen von Menschen, die die Erben großer Ideen von Pracht und Einfluss sind.

Auf dieser Schnittstelle habe ich mich wieder befunden am 30. Dezember 2020 bei meinem 1. Zoom-Meeting. Es ging von Familia Austria aus, der ausgezeichneten Vereinigung österreichischer Familienforscher, die eine ganze Anzahl sehr kompetenter Genealogen beschäftigt. Herr Günter Ofner und Frau Fennes haben mir verschiedentlich bei schwierigen Toten Punkten geholfen, ihre statements zu Taufen von Juden z.B., zur Aufstellung von Kaiserlichen und Reichstruppen, zum dänischen Census etc. waren für mich von unschätzbarem Wert.

Nun also Zoom-Meeting statt Vorträgen in Wien: was für eine Chance für die alte Frau in Schleswig-Holstein! Herr Ofner, selber ein älterer Mann, war mit dem Medium auch noch nicht so recht vertraut, aber er hatte jüngere Assistenten. 118 Menschen nahmen teil. Herr Ofner wollte alle einzeln begrüßen. Wir konnten gegenseitig unsere kleinen Passbilder sehen. Ich guckte im Gegensatz zu den andern im Halbseitenprofil. Denn ich schaute auf den Monitor, den du mir besorgt hast, die Kamera aber war im Surface. Die Begrüßung  dauerte eine Stunde.

 Das Thema waren die Türken vor Wien 1683. Wir beide, du und ich, haben das 1972 oder 1973 in Izmir gelernt für deine Geschichtsarbeit in der 4. oder 5. Klasse der Hakimiyeti-Milliye-Ilkokulu. Ich erinnere mich deutlich an Kara Mustafa Paşa. Du auch?

Herrn Ofner ging es nur nebenbei um die Türken, obwohl er prächtige Bilder von ihnen dabei hatte und Knabenlese, Janitscharen, Hilfstruppenkontingente,
Kriegsführungsprinzipien und -ziele gut erklärte. Wir Genealogen sind keine Geisteswissenschaftler, eher Ingenieure, Handwerker, wir sind am Realen, am Praktischen interessiert und am Leben der kleinen Leute. Und Herrn Ofner ging es auch nicht um die Schlacht am Kahlenberg, die die Befreiung für Wien brachte, sondern um die Verheerung des platten Landes, der kleinen Städte und Burgen, die dem eigentlichen Krieg vorausgingen. Und er war auf der Suche nach landrätlichen Verlustlisten und Kirchenbüchern, die die Namen der Ermordeten und in die Sklaverei Verschleppten, die Namen der völlig verwüsteten Dörfer und Einzelhöfe überliefern. Und auch nach den Listen derer, die nach dieser Verwüstung immigrierten und die Dörfer wieder aufbauten.

Herr Ofner ist Österreicher.  Die meisten Teilnehmer des Meetings waren auch Österreicher, mit konkreten Interessen an einzelnen Orten Niederösterreichs. Sie wussten, wo sie hingehörten. Die Habsburger waren ihr Kaiserhaus. Die Bekämpfung der Ungarischen Adligen, der Kuruzen, die gern evangelisch sein wollten und deswegen aufständisch wurden, war ihnen bekannt oder egal. Die Türken feindlich-fremd, zum Glück am Ende besiegt.

Ich habe sechs Jahre in der Weltstadt Istanbul gelebt, habe morgens und abends von meiner Wohnung über das goldene Horn auf den alten Serail geblickt, bin in den Pavillons und Gärten, in den Moscheen und Museen spazieren gegangen. 12 Jahre insgesamt habe ich in engem Kontakt mit Türken gelebt, bin Freundin und Lehrerin gewesen. Auf der anderen Seite bin ich die Nachfahrin von evangelischen Schlesiern, die vor der  Dragoner-Rekatholisierung der Habsburger nach dem 30jährigen Krieg aus Niederschlesien nach Polen geflohen sind. Ich kann da nicht so eindeutig sein. Aber natürlich umso  aufmerksamer.

Dass Wien damals nicht türkisch wurde, war durchaus auch in meinem Interesse. Das schönste Semester meines Studiums habe ich im Sommer 1959 in Wien verbracht. Ich kannte den Palais des Prinzen Eugen, die Wiener Hofburg und am besten die Wiener Oper und das Burgtheater. Ich liebte das Theaterwissenschaftliche Institut. Dass Wien nicht osmanisch werde, wünschten ebenso unsere Vorfahren um 1683. Auch wenn die Kölner sich nicht beteiligt haben an der Verteidigung, aus Angst vor Ludwig XIV., der den Fall von Wien betrieb. Der Domherr Dr. Henrich Mering, der Medizinprofessor Theodor Mering in Köln haben sicher um Wien gebangt, auch wohl Türkensteuer bezahlt, um verschwiegen bairische Truppen zu unterstützen. Und der Windmüller Heinrich Schurtzmann und der Schmied Martin Majunke in Kobylin, der Hutmacher Johann Nitsche und der Windmüller Georg Eydtner in Lissa, beides Städtchen in Großpolen, waren auch auf der Seite der Wiener. Denn ihr König Jan III. Sobieski war derjenige, der schließlich half, Wien zu befreien, auch wenn seine Hilfstruppen, die Kosaken, wieder viele Dörfer Niederösterreichs brandschatzten.

Aktiv eingetreten ist unsere Familie erst in den 6. Türkenkrieg, in der Person von Johann Friedrich von Mering, „zeitlebens gewesener kaiserlich königlicher Hauptmann“. Er hat als Mitglied des Deutschen Infanterie-Regiments 1717 unter Prinz Eugen Belgrad mit eingenommen. Aber das wusste ich damals in Bornova, am Klavier von Dr. Wildermann stehend, neben deinem fröhlich singenden Vater, noch gar nicht.

Deine Mutter

 

 

 

Der rätselhafte Pierre Henry

Dass Jean Pierre Henry mein Vorfahr ist, ist so sicher, wie eine Vaterschaft eben sein kann. Der Standesbeamte S. Roth in Mainz bezeugt am 12. Juli 1807, dass das Kind Catherine, das ihm vorgezeigt wird, nach der Aussage zweier Soldaten der Mainzer Garnison und der Hebamme das Kind von Francoise Josephe Blandin und Sr. Pierre Henry ist, officier du Genie attachè à la grande armée. Dieser Pierre Henry ist aber - leider - abwesend. Ob der gendarme à Cheval Jean Hartman und der gendarme à pied Jacques Lemlin den Officier du Genie überhaupt kennen, kann man nicht wissen. Sie sind vielleicht nur aus Kameradschaft Zeugen für die Soldatenfrau. Die Hebamme Eva Kraus kennt ihn sicher nicht. Alles hängt an der Mutter des Kindes. Francoise Josephe ist seit dem dem 14. September 1802 mit Pierre Henry verheiratet und gibt ihn als Vater ihres Neugeborenen an. 

Dass Pierre Henry 1807 nicht in Mainz sein kann, wenn er attaché à la grande armée ist, versteht sich für die Zeitgenossen von selbst. Die Große Armee Napoleons befindet sich in Polen. Man hat Warschau eingenommen. Die Schwangere konnte ihren Mann zuletzt nicht mehr begleiten. Vorher wird sie wohl beim Tross des Heeres gewesen sein wie so viele Soldatenfrauen. Jetzt ist sie hier in Mayence auf französischem Boden sozusagen im Quartier der Frauen der Gendarmerie. 

Die Heiratsurkunde aus Saarlouis kann nicht angezweifelt werden. Da ist Jean Pierre Henry anwesend und sein Bruder Laurent Henry ist Trauzeuge. Auch die Geburtsurkunde Pierres im Kirchenbuch des lothringischen Dorfes Luttange habe ich nach jahrelangem Suchen gefunden. Seinen Rang im napoleonischen Heer nachzuvollziehen, bleibt hingegen schwierig. Und sein Sterbeort und -datum ist unbekannt. 

Trotzdem - oder gerade darum - ist er einer meiner interessantesten Vorfahren. Und er ist es wohl wert, dass meine Vermutungen über sein Leben zweimal gedruckt werden. Das erste Mal 1999 im 4. Heft des EKKEHARD in Halle und nun im Jahrbuch der Arbeitsgemeinschaft für Saarländische Familienkunde. Familiengeschichte ist oft rätselhaft. Selten lassen sich schnurgerade Linien ziehen. Das ist ja schon im eigenen Leben oft unmöglich.