Die Saur-Saga ist die kürzeste und traurigste unter unseren acht Familien-Sagen. Sie heißt so nach Emma Saur, der Mutter unseres Großvaters mütterlicherseits. Wenn es schon traurig genug ist, dass diese tüchtige Frau jung starb, vermutlich in einer Erschöpfungsdepression, die mit einem chronischen Lungenleiden einherging, so ist es darüber hinaus betrüblich, dass wir ihrer Abstammung nicht mehr nachforschen können. Wir wissen nur, was mein Großvater Paul Liebert über diese seine leibliche Mutter überlieferte:
Diese zweite Ehe Ottos, die nach Krankheit, Tod, Depression und wohl auch Streit wieder Sonne ins Leben der Familie Liebert brachte, diese zweite Ehe mit Julie Sonntag, hat vielleicht die Überlieferung der Saur-Saga ein bisschen verdrängt. Doch reichen auch die andern Familienerzählungen im allgemeinen nicht weiter als bis zu den Großeltern unsrer Großeltern.
Nein, der Hauptgrund für die Kürze der Saur-Saga ist die Zerstörung der kleinen Stadt Guhrau am Ende des zweiten Weltkrieges und die Vernichtung der Kirchenbücher und Standesamtsakten. Angeblich wurden die Kirchenbücher vor der Vertreibung der Deutschen in einer Truhe im Keller der evangelischen Kirche versteckt. Aber diese Kirche ließen die neuen polnischen und katholischen Bewohner Góras, wie es nun hieß, verfallen. Zu guter Letzt musste sie abgerissen werden. Der Keller ist verschüttet. Heute ist an der Stelle der Kirche ein leerer Platz mitten in der winzigen Stadt.
So kann ich nach den Vorfahren der Saurs und den dazugehörigen Mutterstämmen nicht suchen. Der Spitzenahn für diesen Stamm ist daher Gustav Saur, Mühlenbesitzer in Guhrau, geboren vermutlich um 1820, gestorben schon 1866, vor Emmas Heirat mit meinem Urgroßvater. Das ist eine ungewöhnlich kurze Stammlinie. Nachtragen kann man nur, dass nach der Überlieferung die Vorfahren von Gustav Saur bis zurück zu den Zeiten des alten Fritz stolze reiche Windmüller in Guhrau gewesen sein sollen. Das hat unseres Großvaters Paul Großmutter, die Amalie Saur, geb. Matthie, ihm erzählt.