Zuerst veröffentlicht in: GELDRISCHER HEIMATKALENDER 2003, hrsg. vom Historischen Verein für Geldern und Umgegend, S. 290ff

Bildnis eines preußischen Grenzaufsehers um 1846 auf Wachgang an der niederländischen Grenze

(Franz Mering, geboren 13. 6. 1803 in Kopenhagen, gestorben 5. 10. 1869 in Koblenz )

Da geht er über die Heide von Herongen, mit dem geübten Schritt des Infanteristen, im zugeknöpften Oberrock militärischen Schnitts, in der grauen Tuchhose mit der roten Biese an der Seitennaht, mit dem schwarzen Halstuch ohne Schleife, das der Vorschrift gemäß[1] den Hemdekragen ganz und gar verdeckt, mit dem Brustschild, an dem er identifiziert werden kann. Auf dem Kopf trägt er die schwarz bezogene Mütze, über der linken Schulter nach der rechten Hüfte hin gerollt den Mantel[2], denn es ist Herbst und die Nacht wird schon kalt. Das Wichtigste fehlt natürlich nicht: das geladene Füsilier-Gewehr mit dem blanken Bajonett, die Patronentasche mit sechs Patronen[3]. Franz Mering hat Schießbefehl.[4]

Er geht gelassen. Er ist es gewohnt. Eine Routine-Patrouille. Besondere Vorkommnisse werden heute nicht erwartet. Er spricht sogar halblaut mit seinem Kameraden Friedrich Burckhart, der gleich ihm eben den zwölfstündigen Dienst angetreten hat, zwei preußische Grenzaufseher an der Grenze zu den Niederlanden, sagen wir mal, an einem Spätnachmittag im November 1846.

Ständige Geldsorgen

Worüber können die beiden Männer sich unterhalten? Beide haben viele Kinder, sicher ist im Spätherbst eins davon krank, sie könnten erörtern, was ihm fehlt. Vermutlich würden beide jetzt gern eine Pfeife rauchen, aber das ist im Dienst streng verboten[5] – sie könnten überlegen, ob der Ober-Grenz-Kontrolleur, ihr berittener Vorgesetzter, sie erwischt. Ständig hoffen beide auf eine Gratifikationszulage[6], da wäre ein solcher Verstoß sehr ungünstig. Es werden Musterungsbücher über sie geführt, da wird jede Verfehlung, aber auch jeder besondere Einsatz festgehalten[7]. Beide haben immer Geldsorgen. Wenn man eine Familie zu ernähren hat, lassen sich mit 240 Reichsthalern jährlich[8] keine großen Sprünge machen. Natürlich gibt es auch Klatsch: über die Kameraden, über den Chef, vor allem aber über die Bewohner von Herongen und Wankum. Franz Mering kann einigermaßen plattdeutsch verstehen. Er hat seine Kindheit mit Holsteinern und Mecklenburgern verbracht, die wie sein Vater als Soldaten in dänischen Diensten standen. Das war zu den Zeiten Napoleons. Also auch über die Jugend ließe sich an einem solchen Abend reden. Aber ergiebiger ist es wohl, sich über die Beziehungen der Dorffamilien zu den Schmugglern Gedanken zu machen: wer mit wem verwandt ist, wer wem einen Tipp gibt, welcher Bursche seit neuestem als Schleichträger angeworben wurde und wann wohl der nächste Coup geplant ist. Da mag ihr Gespräch versanden. Ein großer Coup bringt Anstrengung und Gefahr, aber auch die Möglichkeit, sich auszuzeichnen. Sie hängen ihren Gedanken nach.

Der Eid

Das Gelände erfordert mehr Aufmerksamkeit[9]. Es neigt sich gegen das Ufer eines Baches. Außerdem dämmert es jetzt stark. Die beiden Grenzaufseher kennen die Gegend gut, Franz ist seit vier Jahren hier[10], der andere noch länger, aber immer gibt es Unwägbarkeiten. Es kommt darauf an, ob das Gras im Herbst noch gewachsen ist, ob es in letzter Zeit stark geregnet hat, oder ob der Wind das trockene Laub zu losen Dünen zusammenwehte. Sie bleiben stehen, um sich zu orientieren. Sie horchen. Vor ihnen im verhangenen Bruchwald liegt die preußische Grenze. „Es wird Ihnen vertraut und auferlegt, dass Sie Seiner Majestät dem Könige jederzeit aufrichtig ergeben bleiben, die Pflichten Ihres Amtes stets mit Sorgfalt, Fleiß und unwandelbarer Treue den allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen, so wie den auf Ihre Stellung besonders anwendbaren Vorschriften nach, rein und gewissenhaft, ohne Furcht und Nebenabsichten erfüllen, und überhaupt, so viel Sie nach Maaßgabe Ihres Wirkungskreises es vermögen, zum Wohl des Vaterlandes, des Königlichen Hauses und jedes getreuen Unterthanen beizutragen sich bemühen.“  Was die beiden Männer hier tun, gehört zu den Pflichten ihres Amtes. Sie haben einen Eid geschworen.[11] Sie handeln mit Sorgfalt und Fleiß so wie mit unwandelbarer Treue zu den allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen. Diese Bestimmungen erlässt die preußische Regierung in Berlin. Sie verhalten sich gemäß den auf ihre Stellung besonders anwendbaren Vorschriften. Die erlässt die Provinzialsteuerdirektion in Köln. Über die Ausführung im Einzelnen entscheidet das Hauptzollamt Kaldenkirchen. Das hat diese Patrouille heute befohlen. Deswegen schreiten die beiden jetzt, bewaffnet mit ihren Gewehren, in Richtung der Grenze zu den Niederlanden. Sie sind preußische Grenzaufseher. So ist es eben gekommen.

Mut zur Heirat

Franz Mering und sein Kamerad setzen sich wieder in Bewegung. Franz ist 43 Jahre alt, das heißt, er gehört zu den älteren Beamten im Team. Er hat erst mit 39 Jahren sein Regiment, das Regiment Horn in Koblenz, das so genannte Dritte Rheinische, verlassen. Vielleicht hatte er noch auf eine Beförderung gehofft. Oder er hatte es auf  eine Verwendung innerhalb von Koblenz abgesehen, in der Unteren Steuerbehörde oder im Hafenamt. Aber die Kaution für eine solche Stellung hätte er nicht aufbringen können. Und ehe er 40 wurde, musste er sich entscheiden. Sonst hätte er nicht mehr zum Grenzaufseher getaugt. Noch länger als Unteroffizier dienen aber wollte er auf keinen Fall. Der Sold war für einen Familienvater gar nicht gedacht. Unteroffiziere sollten eigentlich ledig sein. Aber Franz hatte unbedingt heiraten wollen. Catharina, die Saarlouiserin[12]. Sein jugendlicher Leichtsinn! Und sein Regimentskommandant, der Oberst Friedrich Wilhelm Fürst von der Osten genannt Sacken, der selbst gerade zum dritten Mal heiratete, hat in Hochzeitslaune zugestimmt. Franz lächelt. Genau hintereinander - als Nr. 2 und als Nr. 3 - stehen 1828 Franzens kirchliche Trauung und die des Kommandeurs im Militärkirchenbuch des Königlich Preußischen 29. Infanterie-Regiments: Franz und Catharina traut der katholische Pastor Perle, der Oberst wird natürlich vom evangelischen Garnisonsprediger Theremin copuliert.

Strenge Einstellungsbedingungen

Um nach dem Militärdienst Grenzaufseher zu werden, hat Franz regelrecht eine Prüfung bestanden, „in Ansehung seiner Fähigkeit und Brauchbarkeit zum Dienste bei der Verwaltung der indirekten Steuern“[13]. Er brauchte zu allererst wieder eine Empfehlung seines Regimentskommandanten (das war längst nicht mehr der alte von der Osten genannt Sacken, sondern ein Oberst von Taubenheim), und zwar handelte es sich da um ein sehr persönliches Schreiben über die vorteilhaften Seiten des Bewerbers und auch seine Schwächen. Sehr wichtig war, neben dem Eifer im täglichen Dienst, dass man kein Trinker war und kein Glücksspieler. Schulden durfte man nicht haben. Ein Attest des Stabsarztes brauchte man außerdem. Man musste gut sehen und hören können, „körperlich gesund, kräftig und frei von besonderen Krankheitsanlagen“ sein und deshalb „zu der bestimmten Erwartung“ berechtigen, „dem Grenzaufseherdienst eine Reihe von Jahren vorstehen zu können“[14]. Den Rest prüfte die Provinzialsteuerbehörde in Köln selbst: das persönliche Auftreten, das flüssige Lesen von Gedrucktem und Geschriebenem, das Schreiben - nicht nur nach Diktat, sogar ein Aufsatz wurde verlangt - und schließlich das Rechnen bei der Lösung von eingekleideten Aufgaben. Dabei wurde die Zeit gestoppt! Wer da nicht durchfiel, der konnte schon selbstbewusst sein. Natürlich: Glück gehörte auch dazu. Dass Franz dem Hauptzollamtsbezirk Kaldenkirchen zugewiesen werden würde, wusste er bei seiner Bewerbung natürlich nicht. Manchmal denkt er darüber nach. Vielleicht lag es daran, dass er, als man ihn fragte, ob er polnisch könne[15], geantwortet hatte: „Das nicht, aber plattdeutsch.“ Hätte er das nicht sagen sollen? Wäre er dann jetzt an der Mosel im Dienst, im Hauptzollamtsbezirk Trier, wo Catharina vielleicht leichter lebte? Er wird es nie erfahren. Die Behörde steht ihren Dienern nicht Rede und Antwort[16], und der direkte Vorgesetzte, der Ober-Grenz-Kontrolleur, weiß es selbst nicht. Franz Mering dient Seiner Majestät dem König, den er nie gesehen hat. Den Dorfjungen und den Schleichträgern gegenüber vertritt er den preußischen Staat, von dem er selbst nicht viel weiß. Dies Gelderland ist viel länger preußisch als er! Schon seit 1721. Er aber, Franz Mering, ist 1803 in Kopenhagen geboren, als Sohn eines Rheinländers und einer Pfälzerin, hat bis zum 11. Lebensjahr in Dänemark gelebt. Dann kam er mit seinen Eltern nach Speyer, das damals noch französisch war, ab 1816 bayrisch wurde. Erst mit dem Eintritt ins preußische Heer, erst mit 20 Jahren, wurde Franz ein katholischer Preuße.

Schmuggelgut Kaffee

Die beiden Grenzaufseher gehen vorsichtig weiter. Sie versuchen, möglichst wenig Geräusch zu machen, nicht aufzufallen. Schwer ist das. Immer knackt irgendetwas unter ihren Stiefeln. In der großen Stille des Bruchwaldes hört man weit. Die Schmuggler stellen Kinder als Wachen auf. Kinder hören gut. Nun haben die beiden Männer den Bach erreicht. Sie prüfen seine Ufer. Nein, hier war heute noch niemand. Es ist auch noch zu früh. Die Schleichträger benutzen den Bach als Weg, hat man dem Vorgesetzten zugetragen. Das macht wenig Geräusch und hinterlässt kaum Spuren. Die beiden Beamten überqueren vorsichtig das Rinnsal, steigen auf der andern Seite den Hang hinauf, vergewissern sich, dass sie die Grenze fast erreicht haben. Hier ist der ihnen angewiesene Ort. Jeder sucht nach einem Unterstand zwischen den Büschen, in gehörigem Abstand vom andern, um verschiedene Blickwinkel zu nutzen, aber doch nah genug, um Flüsterzeichen geben zu können[17]. Ein Baum zum Anlehnen ist gut, denkt Franz. Der erleichtert das Stehen und verbirgt die Gestalt. Den Rest muss die jetzt schnell herein sinkende Nacht tun. Franz und sein Kamerad rollen die Mäntel auf, ziehen sie über, knöpfen sie fest zu, vorschriftsmäßig. Sie werden trotzdem frieren. Das wissen sie aus Erfahrung.Sie stehen da zum Wohl des Vaterlandes, des Königlichen Hauses und jedes getreuen Unterthanen. Sie stehen da, weil getreue Untertanen gerne Kaffee trinken, der verzollte Kaffee aber viel zu teuer ist.[18] Franz denkt an Catharina. Sie trinkt gerne Kaffee. Sie stehen da, weil es ungetreue Untertanen gibt, die Kaffee schmuggeln, zum Schaden des Vaterlandes. Franz denkt an das Wohl des Königlichen Hauses. Er denkt an seinen Eid. Er denkt an seinen Vater Franz Joseph Caspar von Mering. Der saß im Gefängnis in Speyer, weil er seinen Eid als bayrischer Chausseebeamter gebrochen hatte. Und die Mutter starb vor Gram. Nur das nicht! Nur das nicht ihm und nicht Catharina! Franz erschrickt immer noch, wenn er daran denkt. Er war damals 13 Jahre alt, der Älteste, Mutters Halt. Und dann kam das Armenhaus. Nur das nicht seinen Kindern! Sein Kleinster, Friedrich, ist erst ein Jahr alt. Sein Liebling. Franz spannt seine Augen ins Dunkel. Er will nicht mehr denken.Die Oboe Sie warten. Der Bruchwald schweigt. Es ist noch zu früh. Und es ist auch gar nicht sicher, dass heute Nacht ein Coup geplant ist. Und wenn doch, dann vielleicht ganz woanders. Die Grenze ist lang. Die Schmuggler haben die Wahl. Die Grenzaufseher müssen sich nach ihnen richten. Franz kennt manche Schmuggler persönlich, er ist sich da ziemlich sicher. Manche sind seine Nachbarn in Herongen. An den hohen Festen geht er mit ihnen zur Heiligen Kommunion in der alten Amandus-Kirche. Aber so lange er sie nicht auf frischer Tat ertappt hat, kann er sie nicht verhaften. Und will er das denn überhaupt? „Rein und gewissenhaft, ohne Furcht und Nebenabsichten“  soll er seine Pflicht tun. So hat er geschworen. Franz schüttelt den Ärger über seine Verwirrung und Ohnmacht ab. Er wartet.Warten ermüdet. Franz überlegt, wie er sich wach halten kann. Wenn er jetzt Oboe spielen dürfte! Er lacht leise vor sich hin. Kann er es denn überhaupt noch? Er hat schon lange kein Instrument mehr in der Hand gehabt. Die Oboe war ja nicht sein Eigentum, sie gehörte dem Regiment Horn. Aber er hat sie gepflegt und gespielt[19]. Und Catharina mochte ihm gern zuhören, wenn er ihr Lieder vorspielte, die sie kannte. Der Zweck der Oboe und seines Übens war natürlich die preußische Marschmusik. Er hat sie noch im Ohr. Sie geht ihm durch den Sinn, aber er darf sie jetzt nicht einmal pfeifen. Er denkt an seine Kameraden beim Musikkorps. Was mag aus ihnen geworden sein? Er fühlt sich alt.

Familientradition

Das Regiment Horn, denkt er dann, war kein besonderes Regiment. Das 28. Infanterie-Regiment war damals in Koblenz, das 30. in Saarlouis viel bekannter, viel angesehener. Da traten die reichen Bürgersöhne ein, da gab es gute Verbindungen zur Stadt, Feste und Förderungen. Das 29., das Regiment Horn, nahm sogar Jungen aus dem Armenhaus auf, so einen wie ihn, wie konnte es da etwas besonderes sein? Aber es war sein Regiment, seine Heimat. Eine andere Heimat hat er nicht gekannt. Das Hauptzollamt Kaldenkirchen kann nicht das Regiment ersetzen. Es gibt keine Wärme, keinen Zusammenhalt. Man sieht sich ja kaum. Zu sechst sind sie in Herongen, manchmal treffen sie die Aufseher aus Straelen, aus Süchteln. Klar, man kennt sich. Aber den Korpsgeist, der das Regiment ausmachte, den gibt es hier nicht. Als Grenzaufseher verwaltet man eine Pensionsansprüche verleihende Stelle. Trotz des militärischen Gehabes, trotz der geladenen Waffe ist man Zivilist, ein Zöllner. Er seufzt. So ist es eben gekommen.Dabei ist er doch der einzige, der die Familientradition der Merings fortsetzte. Der Vater war dänischer Feldwebel, der Großvater österreichischer Oberleutnant und der Urgroßvater sogar kaiserlicher Hauptmann. Franz denkt an seine Geschwister. Keiner von den Brüdern hat den Weg zum Militär eingeschlagen. Die Schwester Johannetta hat einen ehemaligen preußischen Feldwebel geheiratet, aber sie ist vor einem Jahr gestorben, früh erschöpft von der Aufgabe, nach dem Tod der Mutter zusammen mit den eigenen Kindern die kleinen Geschwister aufzuziehen. Wo Wilhelm und Joseph jetzt sind, weiß Franz nicht. Er hat gehört, die beiden seien ausgewandert nach Brasilien. Der jüngste, einer des Zwillingspaars, ist Schlosser in Koblenz. Der möchte auch auswandern, aber er hat kein Geld, und die Hospitalsverwaltung in Andernach versucht ihn daran zu hindern. Die Zwillingsschwester Susanna ist nämlich schwer behindert, der Bruder soll für sie sorgen. Die Familie von Mering heute: verarmt, verstreut. Franz ist noch am besten gefahren. Er hat eine Pensionsansprüche verleihende Stelle. „Darauf kannst du doch stolz sein“, sagt Catharina. Franz strafft sich und löst sich ein wenig vom Baum. Alles still. Er vertritt sich die Füße. Vom Kameraden Friedrich Burckhart ist nichts zu sehen, aber er hat Franzens Rascheln im Laub gehört. Er regt sich ebenso leise. So weiß Franz, dass Friedrich wach ist. Die Nacht schreitet fort.Franz fängt an zu frieren. Er denkt an sein warmes Bett, seinen Platz neben Catharina. Wenn man Geld hätte, brauchte man nicht hier in der Dunkelheit Wache zu schieben. Wenn sein Großonkel Fritz von Mering nicht all sein schönes Vermögen 1826 dem Hospital in Andernach vermacht hätte, könnte Franz es bequemer haben. Wenn er nur 500 Reichstaler geerbt hätte, säße er jetzt vielleicht als Kontrollamtsverwalter im Hafenamt in Koblenz. Dort gibt es keinen Nachtdienst, das Büro ist geheizt. Aber der Großonkel hat Franzens Vater verachtet. Franz und seine Geschwister haben dem stolzen alten Mann als unehelich gegolten. Der Vater hatte sich unter dem Einfluss der Revolution im Jahr 1799 nur standesamtlich mit der Mutter verheiratet. Und sie war eine Protestantin. Bastarde! Franz krümmt sich. Er muss froh sein, dass die Hospitalsstiftung in Andernach jahrelang für die kranke Schwester Johannetta eine Unterstützung bewilligte und nun weiter für die Zwillinge zahlt. Franz kann seinen Geschwistern finanziell nicht helfen. Aber selber in Andernach um Almosen betteln? Niemals[20]. Deshalb nennt er sich auch nicht „von Mering“ wie die Zwillinge in Koblenz, obwohl der Adel jetzt am Rhein wieder Mode ist. Es ist ihm ganz gleichgültig, ob die Wankumer Behörden ihn Meering oder Mehring schreiben. Mit seiner Familie ist er fertig. Wo sein vorbestrafter Vater steckt, ist ihm egal.

Dienstvorschriften

Dieses Warten ist zermürbend. Es bringt ihn immer auf düstere Gedanken. Aber war da nicht ein Geräusch, der Hufschlag eines Pferdes? Franz lauscht. Ob Friedrich das auch gehört hat? Jetzt wieder, und näher. Ein Reiter, der das Pferd betont vorsichtig gehen lässt. Der Ober-Grenz-Kontrolleur. Franz und Friedrich verhalten sich genau entsprechend § 10 ihres Dienstreglements[21]. Beim Nachtdienst fällt … jede Begrüßung weg. Die Aufseher, die an einem bestimmten Punkte postirt sind, bleiben in ihrer Stellung, ohne sich zu rühren; es ist die Pflicht des Vorgesetzten, sich ihnen soweit zu nähern, dass sie ihm kurz und in aller Stille das Nöthige mittheilen, und ebenso etwaige Befehle von ihm entgegennehmen können. Jetzt hat der Kontrolleur sein Pferd in den Bach gelenkt. Die beiden Wachen hören das Glucksen der Wellen. Ein Augenblick der Unsicherheit – kann der Mann auf dem Pferd vom Bach aus die beiden wahrnehmen? Sollen sie wirklich in ihrer Stellung bleiben? Soll das Pferd in diesem bebuschten Gelände das Ufer erklimmen? Der Reiter verhält. Auch er lauscht. Dann flüstert er in die Stille das Passwort. Franz und Friedrich winden sich aus den Zweigen, nähern sich dem Vorgesetzten. Ihre Meldung ist kurz, der Reiter nickt und setzt sich wieder in Bewegung. Die beiden kehren in ihre Deckung zurück. Sie horchen dem Pferdeschritt im Wasser nach, bis die Stille sich wieder um sie schließt. Dann beginnt erneut das Warten.

Schlechte Schule – gute Schule

Ob es bald Mitternacht ist? Franz hat keine Uhr, und die Sterne sind nicht zu sehen. Solch eine dunkle Novembernacht ist vorteilhaft für die Schmuggler. Eigentlich sind das auch arme Kerle, denkt Franz, laufen da durch die Finsternis mit ihren schweren Packen auf dem Rücken, wollen ein bisschen was verdienen, haben keine andre Arbeit, kein Geld, riskieren, angeschossen zu werden, verhaftet, eingesperrt. Gelernt haben sie nichts, keinen Beruf. Das ist schlecht. Einen Beruf muss der Mensch haben. Aber Grenzaufseher ist kein guter Beruf. Das erfährt Franz am eigenen Leib. Handwerk ist gut. Die Kinder sollen Handwerker werden. Matthias, der älteste mit seinen 18 Jahren, ist schon Schustergeselle, jetzt auf Wanderschaft. Hoffentlich hält er sich gut. Heinrich, 16 Jahre alt, ist in der Maurerlehre. Ein zielstrebiger Junge, um den muss Franz sich nicht sorgen. Karl ist acht, begabt. Schade, dass Lehrer Cornelius Willen es nicht versteht, die in der Heronger Schule herrschende maaßlose Unruhe der 110 Kinder zu dämpfen. Karl würde so gerne lernen! Franz Mering weiß natürlich nicht, was in den Reisebemerkungen des Regierungs-Präsidenten der Rheinprovinz steht, das nämlich der Zustand der Schule als ein trauriger bezeichnet werden muß[22]. Aber er merkt es und Catharina ahnt es, dass die Schüler in der deutschen Sprache, dem Kopfrechnen und in der Kenntnis des preußischen Münz-, Maaße- und Gewichts-Systems sehr wenig bewandert sind. Karl kommt jeden Tag enttäuscht nach Hause, Johanna, die Sechsjährige, geht nur sehr ungern in diesen Lärm, was soll es erst mit dem jetzt dreijährigen Peter und dem einjährigen Friedrich werden? Catharina drängt ihren Mann, einen Entschluss zu fassen. Die Familie muss umziehen, auch wenn das für Franz weitere Wege zum Dienst bedeutet. Die Schulen in Hinsbeck und Wankum sind viel ordentlicher[23] – und den besten Ruf von allen hat Walbeck. Catharina hat gehört, dass der Lehrer Peter Brücker in Walbeck, der selbst für Zucht und Ordnung unter den Kindern sorgt und seit langem einen Unterlehrer beschäftigt, jetzt mit dem Magistrat über einen „qualifizierten“ zweiten Lehrer verhandelt. Und „ein neues einstöckiges Schulhaus mit zwei geräumigen Unterrichtsräumen"[24] ist im vorigen Jahr schon fertig geworden. Dort sollen die Kleinen von den Großen getrennt unterrichtet werden. Johanna müsste sich nicht mehr vor den 13jährigen Rüpeln fürchten. Karl würde zu seinem Recht kommen, vielleicht dürfte er dem Lehrer sogar seine dringenden Fragen stellen, all die Fragen, die Franz und Catharina zu ihrem großen Bedauern ihm nicht beantworten können. Ja, Catharina findet, sie habe genug unter ihrer mangelnden Schulbildung gelitten. Eine neue Zeit ist im Anbruch. Man spricht schon von Revolution! Die Kinder sollen es einmal besser haben.

Aufbruchsstimmung

Das Problem wird sein, denkt Franz sorgenvoll, eine Wohnung in Walbeck zu finden. Es gibt wenig Mietshäuser auf dem Lande – und die Familie braucht doch Platz für sieben Personen. In Herongen wohnen sie ganz leidlich in Goswin Fonkens Haus, in der Nummer 24[25]. Sie verstehen sich mit den Vermietern. Peter Mathias Fonken ist sogar Pate beim kleinen Peter. Der Kollege Friedrich Burckhart ist zugleich Pate und treuer Nachbar, auch die Neuenhausens werden Franz und Catharina vermissen. Aber was hilft’s! Die Kinder gehen vor. Warum nur hat der Wankumer Gemeinderat auch die neue Schule in Herongen wieder einklassig bauen lassen? Warum nur meint der Pfarrer, dass der Küsterberuf sich leicht mit dem Lehrerberuf vereinbaren lasse, da die Morgenmesse vor Schulbeginn aus sei?[26] Heinrich hat zu wenig gelernt, Karl und Johanna lernen nichts, so wird es auch Peter und Friedrich ergehen. Franz bezweifelt, dass Cornelius Willen mit seinen 50 Lebensjahren noch lernt, sich beim Gemeinderat, beim Pfarrer und bei den 110 Schülern durchzusetzen. Franz kann den Lehrerberuf nur mit dem ihm wohl bekannten Beruf des Unteroffiziers vergleichen. Und nach diesen Erfahrungen urteilt er: Autorität hat man – oder man hat sie eben nicht. Und er schließt: Catharina hat recht, ich muss handeln. Über diesen Gedanken ist ihm die Zeit kurz geworden. Mitternacht ist längst vorüber. Es geht auf den Morgen zu, der Tau fällt schon. War da nicht ein Geräusch? der Hufschlag eines Pferdes? Franz lauscht. Ob Friedrich das auch gehört hat? Jetzt wieder, und näher. Und ganz ohne Vorsicht, unbekümmert geht das Tier. Franz weiß, was das bedeutet. Es ist der Ober-Grenz-Kontrolleur und er kommt, um ihnen zu sagen, dass sie die Wache abbrechen können. Franz und Friedrich treten gleichzeitig aus ihren Verstecken hervor und gehen dem sie suchenden Vorgesetzten entgegen. Sie nehmen nach Vorschrift ihre Gewehre in den rechten Arm und grüßen militärisch. Sie erfahren: Bei der Fossa Eugenia in der Lommer Heide sind Schmuggler erwischt worden. Die Ware, zum größten Teil Kaffee, ist sichergestellt, die Schleichträger aber sind in der Finsternis entkommen. Es war ja nicht einmal Büchsenlicht, scherzt der Ober-Grenz-Kontrolleur. Das sagt er immer bei solchen Gelegenheiten. Die beiden lachen pflichtschuldigst. Heute Nacht kommt hier niemand mehr. Sie können nach Hause gehen.

[1] Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Schloss Kalkum, Bestand Provinzialsteuerdirektion Köln Nr. 1175: Circulare, die Bekleidung und Bewaffnung, so wie die Disziplinar-Verhältnisse der Grenz und Steuer-Aufsicht-Beamten betreffend vom 18. September 1838, § 3

[2] HStA Düsseldorf, wie Fußnote 1, § 3: „Wird der Mantel nicht förmlich angezogen, sondern nur vorsorglich mitgenommen, so darf derselbe nicht flüchtig über die Schulter geworfen, sondern er muss ordentlich zusammen gerollt … von den Fuß-Aufsehern von der linken Schulter nach der rechten Hüfte hin umgelegt werden.“

[3] HStA Düsseldorf, wie Fußnote 1, § 5: „Jeder mit einem Feuergewehr bewaffnete Grenz-Aufseher muß immer einen angemessenen Vorrat scharfer Patronen an einem trockenen und sicheren Orte aufbewahren, und davon ein halbes Dutzend in der Patrontasche bei sich führen. Da im Dienste das Gewehr stets mit einer Kugel geladen sein muß …“

[4] Amtsblatt für Bromberg, Nr. 31, Jahrgang 1834: Gesetz-Sammlung Nr. 13 enthält Nr. 1533: Gesetz über den Waffengebrauch der Grenz-Aufsichtsbeamten und: Volker Jarren, Schmuggel und Schmuggelbekämpfung in den preußischen Westprovinzen 1818 – 1854, Paderborn 1992, S. 71: „Im Zeitraum 1838 – 1850 starben (in der Rheinprovinz) 23 Schmuggler, 70 Schmuggler und 13 Beamte trugen Verletzungen davon.“

[5] HStA Düsseldorf, wie Fußnote 1, § 11: „Hinsichtlich des Tabackrauchens bewendet es bei dem, was in dem §. 53 der Dienst-Anweisung für die Grenz-Aufseher bestimmt ist. Außerdem darf aber auch in den Städten, weder in, noch, wenn der Aufseher in Uniform ist, außer dem Dienste, weder auf der Straße noch auf Posten geraucht werden.“

[6] Jarren, a.a. O. S. 59: „Prämienzahlungen (konnten) das Gehalt eines Grenzaufsehers beträchtlich erhöhen.“

[7] Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Schloss Kalkum, Bestand Provinzialsteuerdirektion Köln Nr. 401: Personalakten des Kontrollamtsverwalters Joseph Lützenkirchen zu Ruhrort, vorher Grenzaufseher, 1852 - 1868. Bei dieser Personalakte befindet sich das Musterungsbuch mit den Strafen und Belohnungen, ausgedrückt in Talern, während der Dienstzeit als Grenzaufseher.

[8] HStA Düsseldorf, wie Fußnote 7, darin: Bestallung für den Grenz-Aufseher Herrn Joseph Lützenkirchen vom 13. Mai 1853: „bezieht von demselben Tage an das Diensteinkommen … mit 240 rh“, vgl. dazu Volker Jarren, Schmuggel und Schmuggelbekämpfung in den preußischen Westprovinzen 1818 - 1854, Paderborn 1992, S. 58 und S. 274

[9] Bernhard Keuck, Vom Schmuggel an der Grenze in: 1100 Jahre Herongen 899 – 1999, Straelen 1999, S. 155: „Den Paschern, wie die Schmuggler auch genannt wurden, kam das Gelände besonders zugute, bestand es doch durchgehend aus Wald, Heide oder Bruch, was ein geräuschloses und spurloses Wechseln der Seite begünstigte. Diese Undurchdringlichkeit erwies sich im Gegenzug für die Grenzaufseher als gefährlich und risikoreich.“

[10] Katholisches Kirchenbuch von Herongen, 3. April 1842: Franciscus Mering ist Pate bei Catharina, der Tochter von Fridericus Burckhart und Joanna Schu.

[11] HStA Düsseldorf, siehe Fußnote 7: Der Text des Eides stammt aus dem standardisierten Vordruck für die Einstellung von Grenzaufsehern, wie er sich in der Personalakte Lützenkirchen erhalten hat.

[12] Heiratsregister der Stadt Saarlouis von 1828, Nr.6.

[13] HStA Düsseldorf, siehe Fußnote 7: Dort ist der vorformulierte Fragenkatalog einer solchen Prüfung erhalten.

[14] HStA Düsseldorf, siehe Fußnote 7: Darin befindet sich das Attest des Stabsarztes für Joseph Lützenkirchen.

[15] HStA Düsseldorf, siehe Fußnote 7: Standardfrage im Fragenkatalog der Prüfung zum Grenzaufseher wegen der östlichen Grenzen Preußens

[16] Zwar wurde schon damals diskutiert, ob der Beamte Einblick in seine Personalakten nehmen dürfe, es wurde aber abgelehnt.

[17] Zu den Wachgewohnheiten der Grenzaufseher siehe das unveröffentlichte Manuskript von Josef Jennen: „War St. Sebastianus ein Schmugglernest?“, das offensichtlich auf authentischen mündlichen und schriftlichen Quellen beruht.

[18] Bernhard Keuck, a.a.O., S. 155: „Auf der Liste des Schmuggelgutes standen Kaffee, Tabakwaren, Tee, Kakao …. obenan….“

[19] In den zivilen Geburtsurkunden seiner Kinder in Saarlouis wird Franz Hautboist genannt, andere Musiker sind seine Zeugen.

[20] Hauptlandesarchiv Koblenz, Best. 612 Bd. 5: Tatsächlich findet sich in der reichhaltigen Sammlung von Bittschriften Mering’scher Familienmitglieder nicht ein einziger Brief von Franz Joseph von Mering.

[21] HStA Düsseldorf, wie Fußnote 1

[22] HStA Düsseldorf, Bestand Regierung Düsseldorf, Schulwesen, Nr. 3005 Herongen: Schreiben des Regierungspräsidenten vom 30. Aug. 1846: Reisebemerkungen Kreis Geldern, Katholische Schule zu Herongen: „Zu dieser neu erbauten Schule gehören 110 schulpflichtige Kinder …“

[23] HStA Düsseldorf, wie Fußnote 22: „Dieß so wie die schlechte Haltung der Kinder und die an der Schule herrschende maaßlose Unruhe hat mich bewogen, dem übrigens viel guten Willen zeigenden Lehrer freundlich anzurathen, von Zeit zu Zeit die benachbarten Schulen zu Hinsbeck und Wankum zu besuchen, und sich von der daselbst herrschenden Ordnung zu überzeugen und mit den dortigen Lehrern über die Mittel zur Erreichung eines besseren Zustandes auch in seiner Schule näher zu besprechen, damit nicht unangenehme Folgen für ihn selbst eintreten müssten.“

[24] HStA Düsseldorf, Bestand Regierung Düsseldorf, Schulwesen, Nr. 321 Walbeck und dazu Gerhard Oppenberg, Walbeck, Walbeck 1968, S. 118.

[25] Gemeindearchiv Wankum im Archiv Wachtendonk, Heberolle für die Spezialgemeinde Herongen, Jahrgang 1845, Haus-Nr. 24: Fonken, Goswin und Meering, Franz. Fonken zahlt 27 Sgr. 7 Pf., Meering nichts an Grundsteuer. An Gemeindesteuerzuschlägen zahlt Meering 1 rt, seine Nr. der Einkommensteuer-Heberolle ist 590, Angabe der Klasse der Gewerbesteuer ist 20, insgesamt zahlt er rt 1.5.10. Herongen hat 441 Haus-Nummern.

[26] HStA Düsseldorf, wie Fußnote 22, beigeheftetes Schreiben über eine Gemeinderatsitzung in Wankum, wo der Pfarrer mit dieser Meinung zitiert wird.